Mein kein Valentinstag.

Das Erste, was meine müden Sinne wahrnehmen, ist etwas Warmes zwischen den Knien. Es fühlt sich gut an – auch wenn es nur meine Hände sind. Auf eine Seite gekippt und mit zwischen angewinkelten Beinen festgeklemmten Händen dämmerte ich aus dem sanften Schlummer empor. Man nennt sie „embryonisch“, diese Stellung. Immerhin schlief ich in einer Stellung ein.

Heute mag ich mich jedoch noch nicht bewegen und bleibe liegen, lausche dem regelmässigen Atem meines Selbst. Dann plötzlich setzt das Gehirn ein und schiesst mir einen ersten Gedanken ins Bewusstsein: Joel Kinnaman! Dann ein Zweiter: Kaffee! Und ein Dritter, klar und schneidend wie die eiskalte Morgenluft: Ich selber machen! Denn Joel ist ja nicht da. Also stehe ich auf und tapse in die Küche.

Ich traue meinen Augen! Da steht kein Tablett mit Honig-Schnittchen, Mango-Lassi, geschälten Litschis, Bio-Yoghurt mit Knuspermüsli und entkerntem Passionsfruchtmark. Auch kein Saft aus frischgepressten spanischen Blond-Orangen, kein Kaffee Latte mit Herzchen-Ornament und Liebesgedicht im Schaum der Hornkuh-Vollmilch. Also dreh ich auf den Fersen um und schlurfe ins Bad. Prompt stolpere ich über kein Meer von Blättern eines Strausses Baccara-Rosen mit ungerader Anzahl Blumen, gepflückt von ausgemusterten kolumbianischen Drogenschmugglerinnen. Nun schaue ich in den Spiegel und sehe kein dank multiplen Mehrfach-Orgasmen gelöstes Gesicht mit innerem Lächeln. Ich drehe erneut um, schreite ins Wohnzimmer und öffne das Fenster. Ein wenig frische Luft kann nie schaden. Da! Auf dem Dach des Berner Münsters landet nicht der Adler von Adelboden mit seinem Gleitschirm und hält ein Spruchband mit der Aufschrift: „Susan, hottest girl in town, will you be my Landeplatz for ever?“ Ich knalle das Fenster wieder zu und da klingelt es nicht an meiner Haustür. Flugs reisse ich mir die Einhorn-Socken von den Füssen, lockere den Gurt meines rosaroten Morgenmantels und öffne erwartungsvoll. Joel Kinnaman steht nicht in sexy Jogging-Kleidung, ausser Atem und leicht verschwitzt vor meiner Tür und fragt ob er bei mir duschen könne, er hätte sich zu Hause ausgesperrt.

Ich taumle ins Schlafzimmer, schlüpfe zurück in den noch feucht-warmen Bettenleib und beginne mit der Lektüre von Geoffrey Chaucer’s 700-zeiligen Reim Parlament of Fowls. Mit diesem setzte er im 14. Jahrhundert einen Grundpfeiler für den Valentinstag. Im 18. Jahrhundert ging es dann mit den Blumen und Grusskarten los. Und heute dient der Valentinstag hauptsächlich der Wirtschaft.

Up my ass!