Ich bin nicht locker!

Ich mag keine Konzepte. Sie haben mich jahrelang in Angst und Schrecken versetzt. Dummerweise kommt man als Beraterin in einer Werbeagentur nicht um sie herum. Wenn meine Chefin jeweils sagte: „Ja, Susan, jetzt schreib halt das Konzept“, setzte bei mir eine Art Flachatmung ein und ich brach innerlich zusammen. Da sass ich dann, wie ein zu früh aus dem Ofen genommenes Käsesoufflé, vor Ausgangslage und Zielsetzung, und überlegte stundenlang was ich denn unter diesen Titeln schreiben könnte. Dann, kurz vor dem Abgabetermin, die Nerven blank, die Tränen an den Augenrändern zum Absprung bereit, schlich ich mich ins Chefinnen-Büro und mein Gesichtsausdruck verriet augenblicklich die ganze Misere: Ich hatte nichts. Die Chefin setzte dann ihr verständnisvolles Gesicht auf und säuselte: „Susan, entspann dich, bleib einfach locker, du kannst das!“

Doch das Lockerbleiben wurde bei der Vergabe meiner Eigenschaften ausgelassen. Das war nämlich so:

Gott-Assistenz: „Susan isch nögscht, was meinsch, was sölled mer ihre gäh? 90/60/90, ä Stupsnase und langi Bei? Sälbschtsicherheit, Empathie und Lockerheit. Überall 100%? Oder eher chli abefahre?“

Gott: „Abefahre, süscht langets nöd für alli, unbedingt alles abefahre!“

Gott-Assistenz: „Würklich alles?“

Gott: „Ja aso guet, bi dä 90-60-90 lömmer 100 %.“

Wer weiss denn schon, was da so im Rucksäcklein steckt, wenn man aus dem Mutterleib rutscht. Aussuchen kann man es sich ja nicht. Dabei würde es mein Leben erheblich erleichtern wenn ich, zum Beispiel, etwas mehr Lockerheit in meinem Reisegepäck hätte. Mein Gesichtsausdruck würde von grimmig-verbissen zu freundlich-offen mutieren. Der Marianengraben über meiner Nase würde sich glätten und meine Nackenmuskeln sähen nicht aus wie Stahlseile einer Gondelbahn. Ich sässe nicht mehr wie ein Nussgipfel am Tisch sondern wie eine Nussstange, aufrecht, die 100 % 90 fröhlich nach vorne und oben gestreckt. Durchfall und Schwindel vor und während eines Rendezvous wären mir unbekannt. Alles Gute, was tief in mir drin steckt, käme ganz selbstverständlich zum Vorschein. Ich würde lösungsorientierte Konzepte schreiben, auf hohen Wellen surfen, in tiefste Tiefen tauchen. Mich nicht aufregen, wenn ein Holländer vor mir mit 37,5 Stundenkilometern auf der Bergstrasse talwärts fährt, pizzaessende Jungendliche am Mittag den Ausstieg aus dem Bus blockieren oder wenn die Nachbarskinder sich nur noch brüllend vor meinem Schlafzimmerfenster unterhalten. Nein, ich bin nicht locker.