Die abgefallene Johanna – Teil 6.

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Mandy, den Blick auf den Spiegel und somit auf den Mann im Türrahmen hinter ihr geheftet, hat Erika nicht kommen sehen. Erschreckt wirbelt sie herum und fegt mit ihrem Arm das leere Cüpliglas vom Tresen. Dieses landet direkt vor Erikas Füssen, wo es unter lautem Klirren in die Brüche geht. Das Paar neben ihr dreht sich um. Auch die Gruppe, welche mit Erika hereingekommen ist, wendet sich Mandy zu. Die Gespräche verstummen und die Welt scheint für eine Sekunde still zu stehen. Doch dann kommt Bewegung ins Geschehen. Der Barmann, ausgerüstet mit Wüscherli und Schüfeli1, tritt hinter dem Tresen hervor und Mandy leiert ihm mit etwas schwerer Zunge ein verlegenes „Huii, Endschuligung“ entgegen. Dann gleitet sie vom Hocker und stützt sich auf wackeligen Beinen mit einer Hand auf Erikas Schulter ab. „Hallo Erika, schau nur was du angerichtet hast“, erwidert sie laut lachend und etwas gefasster auf Erikas Begrüssung. Mandys Aufmerksamkeit gilt jedoch nicht Erika, sondern dem Mann in der Türe, der das Geschehen an der Bar beobachtet. „Seit wann bist du denn wieder in der Gegend?“ fragt Erika und schaut etwas verdutzt erst zum Barmann, der ihr zu Füssen kniend die Scherben aufwischt, dann zu Mandy und dann zur Tür. „Ach, seit einer gefühlten Ewigkeit. Aaron hat mich vor vier Jahren verlassen. Ich wollte nicht bleiben. Zu viele Erinnerungen.“ Mandy beobachtet wie der Mann nun zögernd auf den Tresen zugeht. Und als ihn das Licht trifft, Mandy sein Gesicht erkennt, da kommen Enttäuschung, Erleichterung und noch ein weiteres Gefühl im selben Augenblick über sie. Es ist nicht Hartmut. Doch dieser Mann kommt ihr bekannt vor. „Wie verlassen? Für eine Andere? Aaron?“, fragt Erika sichtlich überrascht als sich Mandy ihr nun endlich zuwendet. „Arbeitsunfall. Ein Muni. Der war nicht richtig angebunden.“ „Nein! Johanna, das ist ja schrecklich! Entschuldige, ich, ich … das tut mir wirklich leid“, stammelt Erika, wendet sich kurz dem Barmann dann wieder Mandy zu und fragt: „du nimmst doch auch noch eins, oder?“ Erika bestellt zwei Cüpli, bevor Mandy überhaupt antworten kann. Woher kennt sie diesen Mann bloss? Ist das nicht … verflucht und zugenäht … das ist doch … ja tatsächlich, der kleine fette Simon in der Version eines Erwachsenen. Simönli Furztönli. Unehelicher Sohn des Pöstlers, welcher dannzumal hinter Vaters Scheune den Dünnpfiff hatte. Simon steuert direkt auf sie zu.

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Johanna und Aarons Freundschaft hielt an. Aaron lernte Deutsch und Französisch und Johanna lernte sich in der Kirche ruhig sowie im Alltag fromm zu verhalten. Die Jahre zogen ins Land, die Dinge nahmen ihren gewohnten Lauf und als Johanna 12 Jahre alt wurde, wanderte Guggenbühlers Ältester nach Australien aus. Mutter Guggenbühler gebar weitere sechs Kinder und nebst dem, passierte nicht sehr viel im anständigen Dorfe am nördlichen Jurasüdfuss. Johanna verhielt sich nach aussen hin äusserst unauffällig. Einzig etwas sonderbar war ihre Vorliebe den eigenen, und auch den Puppen ihrer Geschwister, mit der Nagelschere die Haare abzuschneiden und deren Röcke zu Hosen umzunähen. Natürlich verursachte dies jeweils grossen Unmut, doch Streiten stand bei Guggenbühlers nicht auf dem Tagesplan. Man schien Johannas Andersartigkeit akzeptiert zu haben und verzieh ihr so einiges mehr, als es bei ihren Geschwistern üblich war. Schliesslich galt Johanna als Wunderkind. Was bei ihr jedoch im Verborgenen schlummerte, blieb – mit Ausnahme eines Einzigen – für alle unsichtbar. Und es war nicht Jesu Christi der Erlöser, welcher in Johannas Pläne eingeweiht war, nein, es war ihr bester Freund Aaron.

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Als Jean-Luc, zwei Kilometer vom Hof entfernt, seinen Flachmann aus dem Anhänger holte, glaubte Mutter Guggenbühler immer noch an eine böse Erscheinung. Erst als sie das freudige Muhen der Guschti wahrnimmt, kommt sie wieder zu sich. Die jungen Rinder stehen erwartungsvoll aneinandergedrückt da und beobachten mit neugierigen Augen, wie die hochschwangere und zutiefst erschütterte Mutter Guggenbühler die Eimer bei den Griffen packt und auf sie zukommt. Nachdem die Guschti gefüttert und das Schlecksalz ausgewechselt sind, kehrt sie zum Haus zurück, geht in die Küche, setzt sich erschöpft auf einen Stuhl und lässt das Geschehene Revue passieren. Erst jetzt wird ihr bewusst, welch sündhafte Momente die Bilder dieses Magazins überhaupt darstellten. Augenblicklich bekreuzigt sie sich und beginnt zu beten. Sie bittet um Erlösung. Erlösung von dem Geschehen, Erlösung für das ungeborene Kind, Erlösung für die Frauen in dem Magazin und Erlösung für Jean-Luc, dem Sündigen. Und dann steht sie auf, greift sich Mehl, Eier, Zucker, Nüsse und Hefe und bereitet den Teig für die zwei Nusszöpfe vor, welche sie am Sonntag in die Kirche mitbringen wird.

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Wird Simon Mandy erkennen? Wie genau kam Aaron ums Leben? Wer ist Erika? Was verbirgt Johanna? Wird der dritte Erzählstrang weitergeführt? Antworten, und vieles mehr, gibt es im siebten Teil. Fortsetzung folgt …

1Kehrgarnitur