Die abgefallene Johanna – Teil 5.

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Die Ranger’s Bar gehört zum Cavallino und das Cavallino gehört einem jugoslawischen Brüderpaar. Diese übernahmen den damals noch Rössli heissenden Landgasthof vor gut zwei Jahren. Das Rössli war eine etwas in die Jahre gekommene, jedoch sehr gemütliche Fressbeiz mit gutbürgerlicher Küche. Die damaligen Besitzer, müde von der Arbeit im Gastgewerbe, wanderten nach Mallorca aus. Aus dem Rössli wurde das Cavallino, aus der traditionellen Landbeiz eine Pizzeria, der Kachel- wich einem Pizzaofen, die Butzenscheiben wichen Fensterglas und auf den schweren Holztischen machen sich heute weiss-rot karierte Tischtücher breit. Auch die Tischdekoration ist durchaus pizzerienkonform: Je ein mit Sand gefülltes Windlicht, eine Vase mit einer Plastikrose sowie eine dieser in sich verdrehten Flaschenkombinationen mit Essig und Öl. Doch es läuft gut, das Cavallino. Auch die Ranger’s Bar profitiert vom Erfolg der Pizzeria. Aus dem muffigen, dunklen Etablissement mit etwas fragwürdigem Rufe – und damals den einzigen zwei Glücksspielautomaten im Umkreis von 30 Kilometern – wurde ein beliebter Treffpunkt mit Livemusik. Hier also wollte sich Mandy heute Abend das erste Mal mit Hartmut treffen. Geplant waren ein Aperitiv in der Bar, Pizzaessen im Cavallino und dann, wenn alles gut lief, noch das Konzert zu besuchen. Doch Mandy, deren Frisur immer noch gut sitzt, steht kurz davor ein wenig die Kontrolle zu verlieren. Es ist 20 Uhr. Ihr Rendezvous mit Hartmut hätte vor einer halben Stunde hier seinen Lauf nehmen sollen. Nur Hartmut ist nicht gekommen, und Mandy hat Hunger. Vier Cüpli und eine Tüte Jouxjoux Chips Paprika sind kein Ersatz für ein romantisches Abendessen. Mandy schnappt sich die Barkarte und holt ihre Lesebrille aus der Tasche. Als sie sich wieder aufrichtet geht die Tür auf. Im Spiegel sieht sie eine Gruppe von Leuten laut miteinander redend in die Bar stolpern. Sie erkennt Erika, eine ihrer ehemaligen Kundinnen vom Salon. Die Tür fällt zu und wird sogleich wieder geöffnet. Ein Mann tritt ein. Sein Aussehen ist nicht klar erkennbar, denn er wird von der Gruppe verdeckt die mit Erika hereingekommen ist. Ein Schwall heisses Blut schiesst durch Mandys Adern. Auch das Paar neben ihr richtet seine Aufmerksamkeit auf den Mann, der unschlüssig im Türrahmen steht. „Hallo Johanna, lange nicht mehr gesehen“ sagt Erika, die sich unbemerkt neben Mandy an die Bar gestellt hat.

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Johanna sprach. Nach dreieinhalb Jahren Stille kullerten plötzlich Worte über ihre Zunge. Sie plapperte wild drauflos, wiederholte ihren Namen, wiederholte Aarons Name, formte wirre Zweiwortsätze und Aaron Lachat, geborener Fathi Babangida aus Nairobi, schaute sie verwundert an und begann laut zu lachen. Sein Lachen war so ansteckend, dass auch Fräulein Bieri nicht mehr an sich halten konnte und dann, als hätte sich eine Lawine gelöst, setzten die restlichen Kinder mit ein. Als Guggenbühlers Zweitältester an diesem Nachmittag bei dem christlichen Vorkindergarten ankam, traute er seinen Augen und Ohren nicht. Da stand Johanna in ihrem unscheinbaren Baumwollkleidchen, den zwei langen haselnussbraunen Zöpfen, und neben ihr, der kleine schwarze Junge aus dem Nachbarsdorf. Und – Oh Wunder der Gnade Jesu! – Johanna plauderte vergnügt Vor sich hin. Die Nachricht über Johannas Abkehr vom Schweigen verbreitete sich schnell im anständigen Dorfe am nördlichen Jurasüdfuss. Und alle glaubten sie an ein Wunder Jesu Christi. Mutter Guggenbühler weinte beinahe eine Woche lang und lobpries den himmlischen Vater mehr als jemals zuvor. Auch die restliche Familie, überhaupt das ganze Dorf, waren überglücklich und – mehr als jemals zuvor – in ihrem Glauben bestärkt. Und Johanna? Die parlierte pausenlos. Mit dem Hund, den Hühnern, den Kühen, mit Mutter, Vater, den Geschwistern, dem gesamten Dorf. Am allerliebsten jedoch referierte sie zu den Predigten in der Kirche.

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Jean-Luc Douzvide, Hose und Unterhose bis zu den Knöcheln herunter gezogen, kauert im hohen Gras hinter der Scheune. In seiner Linken hält er ein zerfetztes «Frauenmagazin» und mit seiner Rechten stützt er sich an Guggenbühlers Holzbeige ab. Die herausgerissenen Seiten liegen halb zerknüllt hinter ihm und was darauf zu erkennen ist, soll hier nicht näher beschrieben sein. Das Ganze ergibt weiss Gott kein schönes Bild. Und genau dieses unschöne Bild ist es nun, welches die hochschwangere Mutter Guggenbühler erblickt, als sie mit den Futtereimern um die Ecke biegt. Unter einem lauten Schrei fallen ihr die Eimer aus den Händen und diese, nun befreit von ihrer Last, schnellen augenblicklich erst vor ihre Augen und dann auf den dicken Bauch. So, als wolle sie das Ungeborene vor dem Anblick der schrecklichen Erscheinung schützen. Jean-Luc schreit ebenfalls, lässt die Holzbeige reflexartig los, versucht sich die Hose hochzuziehen, verliert jedoch das Gleichgewicht und kippt – glücklicherweise – auf die Seite. Unfähig sich wieder aufzurichten bleibt er für einen kurzen Moment wie ein umgedrehter Maikäfer im hohen Gras liegen. Doch er fängt sich schnell, kommt auf die Knie, stützt sich mit beiden Händen ab, streckt beim Aufrichten der nach wie vor erstarrten Mutter Guggenbühler seinen Allerwertesten entgegen und schafft es dann seine Hose hochzuziehen. Panisch sammelt er die losen Seiten seines «Frauenmagazins» ein, hastet zu seiner gelben Höllenmaschine, um keine Minute später, und mit Vollgas, die kreideweisse Mutter Guggenbühler, die Scheune und das Dorf zu verlassen.

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Wer ist der Mann, welcher unschlüssig im Türrahmen der Ranger’s Bar steht? Und in welchem Salon hat Mandy früher gearbeitet? Warum fällt Johanna plötzlich das Schweigen so schwer? Wird man ihr das Reden während der Predigt verbieten? Wie verarbeitet Mutter Guggenbühler das Geschehen hinter der Scheune?
Fortsetzung folgt …