Die abgefallene Johanna – Teil 4.

Hier geht es zum bisherigen Geschehen.

Mandy, die seit mehr als 45 Minuten in der Ranger’s Bar sitzt, ist ein wenig beschwipst. Mit den Absätzen etwas fester in der Fussstange eingehakt setzt sie sich aufrecht hin und heftet ihren Blick auf den grossen Bildschirm zu ihrer Linken. Ein sehr alter Jonny Cash singt „Hurt“. Es ist zehn vor acht und von Hartmut fehlt jede Spur. Er hätte schon vor zwanzig Minuten hier sein sollen. Und nun ist er zu spät. Ausgerechnet er, der Buchhalter, der Akkurate. Er, der vermutlich seine Fische ausmisst, Sekunden, Schritte, Kalorien zählt. Erneut schaut sie auf ihr Mobiltelefon. Kein Anruf, keine SMS, kein Garnichts. Die Frau neben ihr kichert schon wieder. Der Alkohol scheint seine Wirkung zu tun. Bestimmt haben auch die sich heute Abend zum ersten Mal getroffen. Nur, dass ER erschienen ist und SIE nun Spass hat. Irgendetwas mit “ … an Füssen knabbern“, flüstert er unüberhörbar. „Nur an den Fühüssen, hihihi?“, gackert die Frau. Mandy steht auf, fokussiert das Gestell mit dem salzigen Knabberzeug, drückt den Rücken durch und marschiert los. Sie schnappt sich ein Päckchen Jouxjoux Chips Paprika und kehrt zurück zu ihrem Hocker. Dann reisst sie die Packung auf, steckt drei Chips gleichzeitig in den Mund und spült den halb zerkauten Brei mit dem Rest ihres dritten Cüplis herunter. Die Band spielt um halb Zehn. „Buster & The Slippery Thoughts“ stehen auf dem Programm. Mandy beschliesst zu bleiben. Bestimmt hat er sie wegen ihrer drei Katzen versetzt. Es war wohl doch ein Fehler gewesen, ihm am Telefon von Mutzli, Butzli und Schmutzli zu erzählen. Das etwas zu lange Schweigen. Das Räuspern. Dann die Frage, ob es Haus- oder freilaufende Katzen wären. Mandy wird es plötzlich klar: Hartmut mag keine Katzen. Trotzdem wollte er sich heute Abend mit ihr treffen. Es war ja seine Idee. Nein, sie wird ihn nicht anrufen. Nicht heute. Und auch nicht morgen.

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Aaron hiess er, der kleine schwarze Junge. Aaron Babangida. Geboren in Nairobi und mit zweieinhalb Jahren von der Familie Lachat adoptiert. Aaron war ein hübsches Kind. Seine Augen funkelten wie Obsidiane und wenn er lachte, was er fast immer tat, dann zeigte er sein weisses Gebiss mit der grossen Lücke zwischen den Schneidezähnen. Als Aaron nun mit knapp drei Jahren in den christlichen Vorkindergarten kam, da sprach er kaum Deutsch. Und so entschied sich Fräulein Bieri – die verwitwete Kindergärtnerin – Aaron neben Johanna zu platzieren. Vielleicht würde ja das exotische Kind mit der fremden Sprache Johanna aus ihrer Stille locken. Und als sich dann die Kinder
– eines nach dem anderen – mit dem Namen vorstellten, da sagte Aaron vergnügt: „My name is Aaron, I am from Africa.“ Alle schauten ihn mit grossen Augen an. So auch Johanna. Dann rutschte sie nervös auf ihrem Schemelchen nach vorne, schnappte nach Luft und piepste mit unsicherer Stimme: „Ich heisse Johanna.“

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In Jean-Luc Douzvides Gedärmen blubbert, gurgelt und stöhnt es. Verzweifelt klemmt er die Hinterbacken zusammen. Das Einzige, an das Jean-Luc jetzt noch denken kann, ist sich hinter Guggenbühlers Scheune hinzukauern, um sich zu erleichtern. Die Scheune steht etwas abseits vom Wohnhaus. Guggenbühler nutzt sie als Garage für seinen Traktor und andere Geräte. Ballenpresse, Heuwender, Gurkenflieger und Rübenroder stehen säuberlich in Reih und Glied nebeneinander. Und draussen, an der hinteren Scheunenwand, stapeln sich die akkurat gehackten Brennholzscheite. Jean-Luc hat die Scheune erreicht, zieht voll an der Bremse, bockt das Töffli auf, dreht den Schlüssel, fällt beinahe vom Sattel und rennt mit gekrümmtem Oberkörper um die Scheunenecke. Doch jetzt kommt ihm in den Sinn, dass er kein Papier hat. Also rennt er zurück, um aus der Tiefe des Anhängers eines seiner „Frauenmagazine“ zu fischen. Panisch springt er erneut um die Ecke, öffnet seinen Gurt, reisst sich die Hose von der Hüfte und kauert sich hin. Jean-Luc Douzvide macht seinem Namen alle Ehre. Gleichzeitig verlässt die mit Johanna hochschwangere Frau Guggenbühler das Haus, um den Guschti auf der Weide hinter der Scheune Futter und Schlecksalz zu bringen. Als Mutter Guggenbühler nun um die andere Scheunenecke biegt, in jeder Hand einen weissen Plastikeimer, kommt es zu einer folgenschweren Begegnung.

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Wird Hartmut noch erscheinen? Und wenn ja, was ist der Grund für seine Verspätung? Was ist der Grund für Johannas Durchbruch? Wird sie von nun an immer sprechen? Was geschieht genau hinter Guggenbühler’s Scheune? Fortsetzung folgt …