Die abgefallene Johanna – Teil 3.

Mandy Babangida sitzt seit einer halben Stunde in der Ranger’s Bar und wartet. Am Rand ihres leeren Cüpliglases kleben Rückstände von farblosem Lippenglanz. Es ist 19.30 Uhr. Ein älteres Paar sitzt neben ihr. Die Frau kichert. Der Mann fixiert ihr Dekolleté. Mandy bestellt sich ein weiteres Cüpli. Das Dritte. Was bisher geschah.

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Johanna blieb still. Sie reagierte wohl auf ihren Namen und verstand alles, was man zu ihr sagte, doch sie sprach kein Wort. Man solle sich gedulden, hatte der Dorfarzt gesagt, sie brauche wohl etwas länger. Guggenbühlers beteten in dieser Zeit umso öfter. Und Johanna wurde zusehendes unruhig, quittierte die Gebete mit ihrem quengeligen Singsang. Für Guggenbühlers war es klar: Etwas stimmte nicht mit dem Kind. So brachten sie es zum Pfarrer, zur Hebamme, zur Gemeindeschwester und zum Tierarzt, welchem man eine besondere Begabung zuschrieb. Sie versuchten es mit Härte und mit Güte, mit Belohnung und Bestrafung. Doch all dies half nichts, Johanna blieb still. Bis sie, an ihrem ersten Tag im christlichen Vorkindergarten, auf den schwarzen Jungen traf. Von da an wurde alles anders.

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Es war ein herrlicher Dienstagmorgen im Mai. Vögel zwitscherten, Grillen zirpten, Bienen summten und auf den Grashalmen funkelten dicke Tautropfen um die Wette. Aus der Ferne ertönt das gleichmässige Knattern eines Kleinmotorrads. Und darauf sitzt, mit einem dünnen krummen Stumpen zwischen den Zähnen, Jean-Luc Douzvide, Pöstler in der dritten Generation. Jean-Luc ist einer der Ersten, welcher seine Arbeit mit dem neuen Post-Töffli verrichten darf. Entsprechend stolz lenkt er das Gefährt mit dem schlenkernden Anhänger über die kleinen holprigen Strässchen von Hof zu Hof. Er nennt es sein gelbes Höllengeschoss. Und jedes Mal, wenn er von einer Haustür zur nächsten aufbricht, dreht er ein wenig mehr als notwendig am Gas. Jean-Luc, muss man wissen, ist Atheist. Und auch dies bereits in der dritten Generation. Weitere Merkmale von Jean-Luc sind eine äusserst kurz geratene Statur, ein grosser Kugelbauch, rote Backen, eine Glatze und seine Trunksucht. Er ist Junggeselle. Und möglicherweise ist das eine oder andere Merkmal verantwortlich dafür. Jean-Luc isst jeden Mittag ein Menu mit Suppe und Salat im Pöstli. Samstags dann fährt er in die Stadt, um sich am Kiosk seine «Frauenzeitschriften» und Nachschub an krummen Stumpen zu besorgen. Doch heute ist erst Dienstag und Jean-Luc macht sich bereit für seine letzte Tour. Diese führt ihn in das anständige Dorf am nördlichen Jurasüdfuss. Punkt 13 Uhr, nach dem Verzehr von Menu Eins – Sauerkraut, Rindszunge, Speck – und 2 grossen Flaschen Bier, fährt Jean-Luc los. Und als er nun durch die grosse Kurve nach der Ortstafel fährt, Guggenbühler’s Scheune bereits in Sichtweite, fängt es in seinem Magen zu rumpeln an. Jean-Luc Douzvide gibt Gas.

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Sehr geehrte Frau Babangida

Vielen Dank für Ihren freundlichen Brief, welchen ich gestern, nach meiner Joggingrunde, aus dem Briefkasten fischte. Mein Name ist Hartmut Schwenzler, ich wohne in Rapperswil und jogge jeden Morgen. Joggen gehört, nebst dem Sammeln von Schallplatten mit Militärmusik und der Zucht von Brokatkarpfen, zu meinen grössten Leidenschaften. Ich lebe allein in einem mittelgrossen Einfamilienhaus am Fusse eines Rebbergs. Zum Haus gehören ein schöner Garten und ein grosser Teich. Mögen Sie Fische? Ich lege diesem Brief zwei Fotos bei. Eines zeigt mich mit meinem prämierten Zuchtkarpfen, welches letztes Jahr für das Magazin «Fischen, Jagen, Schiessen» aufgenommen wurde. Das andere ist das Zielfoto des diesjährigen Rappilaufs (der mit der Startnummer 29 bin ich).

Liebe Frau Babangida, ich bin kein Mann vieler Worte: Wollen Sie sich mit mir treffen? In gespannter Erwartung auf Ihre baldige Antwort grüsse ich Sie.

Ihr Hartmut Schwenzler

Was geschah mit Johanna am ersten Tag im Kindergarten? Wird es Jean-Luc bis zu Guggenbühler’s Scheune schaffen? Wieviele Cüplis verträgt Mandy? Und warum kichert die Frau in der Ranger’s Bar ununterbrochen? Hat der prämierte Karpfen von Hartmut einen Namen? Fortsetzung folgt ….