Die abgefallene Johanna – Teil 2.

Die 52-jährige Mandy Babangida, geborene Johanna Guggenbühler, sitzt mit frisch toupiertem Haar auf einem abgewetzten Barhocker in der Ranger’s Bar. Es ist 19.15 Uhr, das Licht in der Bar schummrig, die Countrymusik beliebig. Ein älteres Paar tritt ein. Lese Teil 1 hier.

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Die Schwierigkeiten begannen bereits kurz nach der Geburt. Johanna, die sich weder für die Brust ihrer Mutter noch für die daraus abgepumpte Milch begeistern konnte, musste mit künstlich hergestellter Babynahrung gefüttert werden. Und dieses, auf Basis von Kuhmilch hergestellte Pülverchen, war nur in der Apotheke der nächstgelegenen Stadt erhältlich. Den Kindern erlaubte man den ausserordentlichen Ausflug zu den Städtern nicht, zu gross war die Furcht vor dem Verderben. Und weil die Mutter mit der Überwachung des gesamten Nachwuchses, dem Kochen, Nähen, Putzen und Hühnerfüttern bereits ausreichend zu tun hatte, oblag es dem Familienoberhaupt jeweils samstags in die Stadt zu fahren, um die bestellten Dosen in der Apotheke abzuholen. Eine Heimlieferung mit der Paketpost kam nicht in Frage, denn die Portokosten waren bedeutend höher als die Ausgaben für das Benzin. Der eigentliche Grund für diese Ausflüge war indes, dass die Dorfbewohner – seit dem Vorfall hinter Guggenbühler’s Scheune – den gottlosen Postboten nicht mehr in der Nähe ihrer Höfe erdulden mochten. Die wenige Post, welche die frommen Gemeindemitglieder überhaupt erhielten, wurde in der Molkerei entgegengenommen und jeden Mittwochnachmittag von Guggenbühler’s Zweitältestem gewissenhaft verteilt.

Die Monate vergingen und Johanna wuchs zu einem wohlgenährten Baby heran. Alsdann setzte die Mutter der Abgabe von künstlicher Kuhmilch ein Ende und begann das Kindchen mit selbst gemachtem Brei zu füttern. Somit war es auch an der Zeit, Baby Johanna dem Göttlichen näherzubringen. Die Kleine wurde nun nicht mehr vor dem Abendessen zum Schlafen gelegt, sondern in einem Hochsitz an den grossen Esstisch geschoben. Dort thronte sie dann am oberen Ende der Tafel und beobachtete still und mit grossen Augen das familiäre Geschehen. Sobald jedoch das Abendessen dampfend auf dem Tisch stand und die ersten Worte des Gebetes gesprochen wurden, begann die sonst so stille Johanna lauthals zu brüllen. Es war, als hätte sie gerne mitgebetet, sich jedoch in der Lautstärke vertan. An eine temperamentvolle Bekundung von Unbehagen mochten Guggenbühlers dannzumal noch nicht denken. So wurden dann die abendlichen Dankesgebete zu einer Geduldsprobe für die ganze Familie. Und hätte sich Johanna nicht kurz nach dem Amen wieder beruhigt, wären die Guggenbühlers vermutlich an Johannas Geschrei verzweifelt.

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Mandy bestellt sich ein weiteres Cüpli. „Frühpens. Verm.-verw., CH, sportl., finanz. unab. mit EFH sucht attr., schl. CH-Frau + 45/- 60“ stand in der Annonce. „Bildzusch. an Verlag. Chiff. 120754“. Warum sie vor zwei Monaten im Wartezimmer von Frau Dr. Binder-Bühlmann genau an dieser Anzeige in der Tierwelt Gefallen fand, kann sich Mandy jetzt nicht mehr erklären. Viel weniger noch, dass sie diese mit dem Handy fotografierte um ein paar Tage später darauf eine Antwort zu verfassen. Vielleicht lag es an dem eindeutig einem Buchhalter entsprechenden sparsamen Schreibstil, vielleicht auch an dem in Aussicht gestellten Leben in einem Einfamilienhaus. Mandy setzte sich jedenfalls hin und schrieb einen kurzen Brief. Diesem legte sie drei Fotos bei und verschickte ihn am nächsten Tag per A-Post. Auf eine Antwort musste sie nicht lange warten.

Was war hinter Guggenbühlers Scheune geschehen? Und warum schrie Johanna während des Abendgebets? Wie sieht er aus, der Mann von der Annonce? Wartet Mandy auf ihn? Und wann erfahren wir endlich warum aus Johanna Mandy wurde?

Fortsetzung folgt …

Die abgefallene Johanna – Teil 1.

Mandy Babangida sitzt mit gespreizten Beinen und in der Fussstange eingehakten Absätzen auf einem stark mitgenommenen Lederhocker in der fast leeren Rangers Bar. Sie betrachtet sich und das Treiben in ihrem Rücken in der Spiegelwand mit dem integrierten Flaschengestell. Die schummrige Beleuchtung verleiht ihrem Ebenbild eine ungewohnte Sanftheit. Mandy, 52 Jahre alt, trägt eine hautenge schwarze Hose mit Glanzeffekt und eine tief ausgeschnittene schwarze Seidenbluse. Ihr kinnlanges auberginenrotes Haar ist sorgfältig toupiert und mit reichlich Haarspray ruhiggestellt. Auf ihren Lippen und dem vor ihr stehenden Cüpliglas klebt eine dicke Schicht rosa Lippenglanz. Es ist 19 Uhr. Aus dem Radio dudelt Countrymusik.

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Mandy Babangida erblickte als Johanna Guggenbühler unter dem Kreuz Jesu in der schlecht geheizten Schlafstube des Bruderhofs das Licht der Welt. Und es war ein helles Licht, denn die Guggenbühlers waren Mitglieder einer konservativen Freikirchengemeinde. Johannas Vorfahren gehörten zu den Gründervätern dieser frommen Gemeinschaft. Sie liessen sich im Verlaufe des 18. Jahrhunderts in dem damals noch kleinen Weiler am nördlichen Jurasüdfuss nieder. Seither wuchs der Weiler synchron mit seinen Bewohnern zu einem anständigen Dorfe heran. Es entstand eine Kirche, ein Dorfplatz samt Brunnen, eine Schule, eine Molkerei und eine Feuerwehr. Aus der Ferne betrachtet, ein ganz normales Dorf. Blickte man jedoch etwas genauer hin würde man schnell bemerken, dass die Bewohner des anständigen Dorfes am nördlichen Jurasüdfuss sich von ganz normalen Dorfbewohnern deutlich abheben. Nicht nur moralisch, sondern auch äusserlich. Die weiblichen Gemeindemitglieder tragen Röcke und Schürzen, beides fraglos nicht zu kurz. Die Haare sind entweder zu zwei einheitlichen Zöpfen geflochten oder unter einem Haarnetz gefangen. Das Tragen von Hosen oder kurzen Haaren ist den Frauen verboten, es wird für unsittlich gehalten. Oberlippenbärte sind, seit dem grossen Schnauzstreit welcher die Gemeinde zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu entzweien drohte, für alle tabu.

Im anständigen Dorfe am nördlichen Jurasüdfuss wird häufig gebetet. Immer sonntags um 10.30 Uhr im Gottesdienst. Dann täglich vor jeder Mahlzeit, vor dem Einschlafen, nach dem Aufstehen, wenn die Kuh nicht kalbert, der Teig zum Gehen auf der Ofenbank liegt oder der erste Schnee nicht fällt. Es gibt immer einen Grund zum Beten. Und wenn das Kalb dann kommt, der Teig aus der Schüssel quillt und der erste Schnee fällt, dann wird dem Herrn dafür gedankt. Es wird gebetet und gedankt, dazwischen gelernt, geputzt und gesungen. So wächst man dann heran in einer gottverbundenen Gemeinschaft ohne Internet und Mobiltelefon. Es gibt nur wenige Möglichkeiten vor der Ausschulung mit dem Geschehen ausserhalb der frommen Gemeinde in Verbindung zu treten. Eine davon wäre, sich durch einen gewagten Sprung vom Dachboden einen Arm oder ein Bein zu brechen. Auf diese Weise landete man garantiert im Spital der nächstgelegenen Stadt.

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Johanna verhielt sich bereits im Mutterleib anders als die fünf Geschwister vor ihr und, wie man erst später feststellte, die sechs nach ihr. Sie reagierte weder auf den beseelten Singsang der Mutter, noch auf deren inbrünstigen sonntäglichen Lobpreis. Es war, als hätte Johanna die Vorgänge ausserhalb der Fruchtwasserblase genauestens observiert und für nicht relevant befunden. Dieses Verhalten sollte sich auch nach der Geburt nicht ändern. Sofort nach ihrem ersten Schrei kehrte Johanna wieder in sich selbst zurück und legte mit der Verweigerung der Mutterbrust den Grundstein für ihre zukünftige Unabhängigkeit. Alle Bemühungen Johanna direkt an der Quelle zu nähren scheiterten genauso kläglich, wie diejenigen, sie später auf dem Weg des Herrn zu behalten.

Warum wurde aus Johanna Mandy? Und warum fiel sie vom Glauben ab? Hat es etwas mit der verweigerten Mutterbrust zu tun? Auf wen wartet Mandy in der Rangers Bar? Wird sie noch ein weiteres Cüpli trinken? Wie lange wird ihre Frisur halten? Erfahre mehr im zweiten Teil. 

Fortsetzung folgt …