Hartmut.

Kürzlich ist auf Twitter ein älterer Beitrag von TeleZüri über Meinrad Pfisters Begegnung mit einem Fuchs wiederaufgetaucht. Die AZ Medien haben im 2015 eingehend über dieses Ereignis berichtet, das Video ging viral und Meinrad Pfister wurde kurzum zum Medienstar. Seitdem ich diesem bemerkenswerten Beitrag letzte Woche zum ersten Mal begegnete, hat er mir keine Ruhe gelassen und mich inspiriert, folgende Geschichte zu schreiben.

Sein Tag beginnt mit drei Anapästen und einem Jambus. Genauso wie Feldmarschall Radetzkys Marsch. Nein, Hartmut ist kein Freund der sanften Weckmusik. Hartmut zieht in die Schlacht.

Entschieden schlägt er die Bettdecke zurück und manövriert seinen schlanken Körper so aus dem Bett, dass er mit beiden Füssen direkt in den Hausschuhen zum Stehen kommt. Im Badezimmer spritzt er sich kaltes Wasser ins Gesicht, rollt je drei Mal mit dem Deodorant über die Achselhöhlen und reinigt die Zähne gründlich mit Schall. Dabei beobachtet er sich eingehend im Spiegel. Nach getaner Morgenroutine federt er zurück ins Schlafzimmer, öffnet die Fenster und entriegelt die Läden. Ein Schwall kalte Winterluft schlägt ihm entgegen. Schnell schlüpft er in die am Vorabend bereitgelegte Jogging Kleider. Da ist es wieder, dieses heisere Bellen. Bestimmt Dörigs neuer Wadenbeisser, der beim Scheissen immer so wehleidig dreinblickt. Wenn dieses nervige Morgengebell bis Ende der Woche nicht aufhört, wird er sich wohl wiedermal beim Dörig vorstellig machen müssen.

In der Küche holt er den Humpen aus dem Schrank und füllt ihn mit Hahnenwasser. Er setzt sich rittlings auf den hohen Barstuhl und observiert die schwach beleuchtete Bergstrasse durch das Küchenfenster. Seine Strasse. Auf der einen Seite die Häuser der besser Betuchten und auf der anderen der Rebberg. Hartmut ist nun auch einer von ihnen. Doch er hat sich seinen Wohlstand selbst verdient. Nach einer beispielhaften Karriere bei einer Grossbank, die er glücklicherweise vor der Finanzkrise verliess, kümmerte er sich bis zur frühzeitigen Pensionierung vor zwei Jahren um das Vermögen eines schwedischen Grossindustriellen. Und weil Hartmut immer ein sehr bescheidenes Leben geführt hat, auf Ehefrau, Kinder und einen Zweitwagen verzichtet, konnte er genügend Vermögen ansparen, um sich das kleine Einfamilienhaus an der Bergstrasse ohne fremdes Geld zu kaufen. Hartmut steigt vom Hocker ab, stellt das leere Glas in die Spüle. Es ist an der Zeit aufzubrechen.

Wie strammstehende Soldaten reihen sich seine Laufschuhe auf dem obersten Boden des Schuhregals ein. Er packt die mit der griffigen Sohle, schliesst die Haustür auf und tritt hinaus in die kalte Morgenluft. Nach einem kurzen Rundumblick und zwei tiefen Atemzügen schliesst er die Tür hinter sich zu und schlüpft leicht fröstelnd in seine Schuhe. Den Hausschlüssel bindet er am linken Schnürsenkel fest.

Nun trabt er los. Vorbei an dem hässlichen Betonbau Schäfer-Henzes und deren Briefkasten de luxe, der in ihrem von jeglichem Geschmack desertierten Steingarten thront. Weiter zu Kramers verlassenem Türmchenbau, wo sich genau jetzt und wie von Geisterhand, in der Küche das Licht ein-, und gleichzeitig im Hauseingang ausschaltet. Nicht mal ein blinder Rumäne würde sich durch diese lächerliche Schutzmassnahme mit der Zeitschaltuhr täuschen lassen. Ein Wunder also, dass bei denen noch nie eingebrochen worden ist. Mit einem leisen Pieps schaltet sich das GPS an Hartmuts Fitness-Armband ein.

Vor Jasmins Garage steht wieder dieser senfgelbe Hummer. Hartmut drosselt sein Tempo. Dann sieht er sie. In ihrem engen rosa Morgenrock steht sie in der Küche und neben ihr, halbnackt, dieser Typ mit der Glatze. Seit der Scheidung lässt die aber auch gar nichts anbrennen. Man munkelt, ihr Ex-Mann hätte so richtig blechen müssen. Kein Wunder hat der mit dem Saufen angefangen.

Erst beim Wendeplatz nimmt Hartmut die Poster wahr. An Ort und Stelle trabend sieht er sich das A4 an der letzten Strassenlampe genauer an. Das Foto einer getigerten Katze, darüber «Finderlohn 2’000 Franken», darunter «Mutzli. Vermisst seit 20. Dezember». Dann noch ein Name und eine Telefonnummer. Zweitausend Franken? Dafür würde ihm Natascha mehr als nur den Rücken massieren!

Er schaltet die Stirnlampe ein und rennt weiter durch die Reben in den Gemeindewald. Nach der Geschichte mit dem Fuchs hat er den Wald für längere Zeit gemieden. Alle haben über ihn gelacht, ihn als Spinner abgetan, als Angsthasen. Doch keiner von denen hat gesehen wie ihm der Fuchs jeden Morgen aufs Neue auflauerte, plötzlich aus den Reben kam, ihm vom Wendeplatz bis zur Haustür folgte. Auch der Wildhüter hat ihn nicht ernst genommen. Doch er, Hartmut, wusste sich schon zu helfen. Nachdem er die Wurststücke mit dem Rattengift in den Reben verteilt hat, kam der Fuchs nicht mehr zurück. Verreckt ist es, das dumme Tier. Und mit ihm das dämliche Katzenvieh, das im Sommer zwei seiner Zuchtkarpfen aus dem Teich fischte.

Hartmut kehrt an diesem Morgen nicht von seiner Joggingrunde zurück. Sein Fehlen bleibt auch am darauffolgenden Tag unbemerkt. Erst als Kurt Schäfer-Henze zwei Tage später den Turnschuh mit dem Hausschlüssel in seinem Garten findet, hat man die Polizei alarmiert. Hartmuts Verschwinden wurde nie aufgeklärt. Im Rebberg der Nachbarsgemeinde taucht erneut ein Fuchs auf.

Die Personen und die Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.