Das hübsche Fräulein Fake.

Ich begegne ihr zwei Mal am selben Wochenende in der S-Bahn. Beide Male kann ich kaum meinen Blick von ihr wenden. Unerklärlich, warum ich sie fast ununterbrochen beobachten muss. Etwas peinlich ist mir das schon.

Sie ist nicht sehr gross, 1.62 cm vielleicht, ihr Körper wohlproportioniert, ein klein wenig untersetzt und an den Hüften gut gepolstert. Braunes, sorgfältig über eine Rundbürste geföhntes schulterlanges Haar folgt jeder ihrer Kopfbewegungen. Ich schätze sie Mitte Zwanzig, das würde ihre glatte Haut und die ebenmässigen Gesichtszüge erklären. Weder auf der Stirn noch zwischen Nase und Mund ist eine Falte auszumachen. Auch dann nicht, wenn sie lacht. Die perfekt akzentuierten Brauen schmeicheln ihren braunen Augen, die mit Zange und Bürste geformten Wimpern sind lang und schwarz getuscht. Ihre vollen Lippen glänzen dezent in einem unauffälligen Rot. Sie ist hübsch, makellos.

An diesem frühen Samstagmorgen, als ich hinter ihr auf dieselbe S-Bahn warte, trägt sie einen eleganten weissen Hosenanzug aus, gemessen an der kalten Jahreszeit, eher leichtem Stoff. Hose und Füsse stecken in finkenähnlichen braunen Fellschuhen. Das kurze hellbraune Pelzjackenimitat hat sie sich nicht vollständig angezogen, sodass dieses lässig auf den Schultern liegt und den oberen Teil ihres Rückens unbedeckt lässt. Am rechten Arm baumelt eine grosse Marken-Tasche.

Telefonierend schreitet sie neben dem Gleis auf und ab, so, als wäre der Perron ein Laufsteg und wir Wartenden ihr Publikum. Sie lächelt gekünstelt, dreht gekonnt halbe Pirouetten und wischt sich wiederholt sowie mit grösster Eleganz eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Jede ihrer Gesten scheint perfekt einstudiert, jede Bewegung genauestens kalkuliert und schlagartig wird mir bewusst was mich an ihr so fasziniert: Das hübsche Fräulein ist ein Fake!


Wenn Inneres nach aussen lügt
und Äusseres die Seele trügt
dann hoff dass der dein Herz berührt
dich nur zu reinen Quellen führt