Magnetische Kräfte.

Wer beim Staubsaugen eine unter dem Bett liegende Socke oder eine über den Stuhl gehängte Feinstrumpfhose erwischt, findet sich meist in einem erbitterten Zweikampf wieder. Das Beinunterkleid verfängt sich im Rohr und kann nur mit grösster Mühe extrahiert werden. Eine ähnliche Form von Extraktionsschwierigkeiten beobachtete ich kürzlich auf der Skipiste. Ein offensichtlich sehr frisch verliebtes Pärchen mit Snowboards an den Füssen kniete in innigstem Kusse verbunden hinter einer Anhöhe. Der Sog ihrer Münder war so stark, dass sie auch dann nicht vom Schmusen abliessen, als eine Staffel Kamikaze-Skifahrer an ihnen vorbeidonnerte.

Die Kräfte der Anziehung wirken meist spontan und gründen oft im Unbewussten und ohne Berücksichtigung allfälliger, manchmal tödlicher, Konsequenzen. Beweise hierfür findet man nicht nur auf der Skipiste, sondern auch im Tierreich. Meine letzte Residenz war eine hübsche Einliegerwohnung im Parterre. Darum herum wucherte ein üppiger Garten. Ich wohnte sechs Jahre dort bevor ich mich entschied das Lorrainequartier zu gentrifizieren. Die Fenster des Wohn-/Esszimmers reichten von der Decke bis zum Boden. Manchmal, meist während regnerischen Nächten, versuchte eine verwegene Nacktschnecke einer dieser Scheiben im Quergang zu erklimmen. Keine schaffte es je bis ganz nach oben, der Tod ereilte sie bereits im unteren Fenster-Drittel. Die hinterlassene Schleimspur gab Aufschluss über den zurückgelegten Weg und die Absturzstelle.

Auch ich erliege den Kräften der Anziehung immer wieder aufs Neue. Das erste Mal in meiner Kindheit, als mich während eines Familienaufenthalts im Tessin Friedhöfe stark magnetisierten. Auf meinem Steckenpferd mit der roten Wollmähne trabte ich zwischen den Grabsteinen hindurch, machte hier und da eine kleine Volte und überlegte mir, wie denn mein eigener Grabstein aussehen sollte. Einer aus grünem Marmor mit goldener Prägung wäre es gewesen. Heute würde ich allerdings vorzugsweise gerne kremiert und in den Ozean gestreut werden.

Ein paar Jährchen später dann befiel mich das dannzumal noch wenig bekannte Syndrom des Stalkings. Ich verliebte mich in einen Springreiter aus meiner Region, der allerdings von meiner Liebe nichts bemerken sollte, weil er ein wenig zu alt war für mich. Trotzdem zog er mich an wie ein Pferdeapfel die Fliegen. Ich machte seine Adresse im Telefonbuch ausfindig und reiste eines kalten Wintertages mit Zug und Bus in sein Dorf, wo ich mich in der Nähe seines Stalls auf die Lauer legte. Ich wollte ihn sehen, ihm nahe sein. Irgendwann ist mir dann aber kalt geworden und meine Hormone pegelten sich auf einem gesunden Vernunfts-Wert wieder ein. Ich zog ab.

Spinnen von der Grösse eines Espressotässchen-Untertellers werden von mir übrigens ohne den kleinsten Zweifel einfach eingesaugt. Danach wird das Rohr mit einem Zeitungsknäuel zugestopft. Die vegane Beseitigungsmethode mit Glas und Karton ist mir zwar durchaus bekannt, ich erachte diese jedoch als nicht praxistauglich. Wer, so wie ich, beim Einfangen in Panik ausbricht, dem fallen nämlich Karton und Glas aus der Hand und es kommt zur Flucht unter hysterischem Gekreische. Am Ende geht das Glas kaputt, die Nachbarn haben die Polizei alarmiert und die Spinne tanzt einen wilden Samba, bevor sie sich in einer dunkeln Ecke erneut auf die Lauer legt.