Geschichte, die ich nicht schreiben wollte.

Lange Jahre verdiente ich mein Geld in einer grossen Werbeagentur. Meine Laufbahn entwickelte sich parallel zu meiner Persönlichkeit. Ich begann als Werbeassistentin, wurde Beraterin, mit zunehmend grauem Haar sogar Senior-Beraterin und am Schluss, vor meinem endgültigen Abgang, fungierte ich als gute Fee und digitales Einhorn. Ich arbeitete sehr gerne dort. Und hätte dieser Esel nicht vor meine Tür gekackt, würde ich mit grösster Wahrscheinlichkeit immer noch dort arbeiten.

Fantasie steht als Attribut eines Beratungsmitarbeiters nicht an vorderster Stelle. Wichtiger sind Dienstleitungsbereitschaft, Genauigkeit, Weitsicht, Hartnäckig- und Verlässlichkeit. Ein wenig listensexuell sollte man auch sein. Das hilft. Die Kunden mochten meine Listen. Egal ob Namens-, Check-, Termin- oder Budgetlisten, ich habe viele davon erstellt. Meine Lieblingsliste jedoch war die «Shit-Liste». Darin sammelte ich alles Schlechte über den Projektverlauf, um es dem Kunden bei Projektende selbstbestimmt unter die Nase reiben zu können. Eine Art Psychohygiene. Man braucht das schon manchmal. Doch meist blieb die Liste in der Schublade. Der Kunde ist ja auch nur ein Mensch mit Schwächen und Ängsten. Genauso wie ich.

Und weil so viel harte Realität meiner Fantasie nur wenig Spielraum liess, legte die sich irgendwann fadisiert zur Ruhe. Am Abend dann, nach einem langen Arbeitstag, oder auch nach einem kurzen – nicht alles in der Werbung ist böse – fehlte mir meist die Energie um mich mit meiner Fantasie auseinanderzusetzen. Und nun, nach Jahren der quasi Unterdrückung, lasse ich sie frei und schicke sie in einer Narrenkappe auf den Spielplatz.

Sie kommt nicht von ungefähr, diese Fantasie, man legte sie mir in die Wiege. Ich wurde in eine Familie lauter Kreativer geboren. Keine Künstler im herkömmlichen Sinne, sondern spezielle Wesen, jedes auf seine eigene Art und Weise kreativ. Mein Vater zum Beispiel. Bereits als junger Elektrotechniker auf der Suche nach etwas Grösserem, tüftelte er monatelang an einem Wasserfilter für Aquarien. So stand in der Garage unseres kleinen Häuschens ein bis zur Decke reichendes Gestell, übervoll mit Glasbehältern verschiedenen Umfangs. In den fischlosen Tanks blubberte es wie in den Destillierbehältern aus Frankensteins Versuchslabor. Natürlich stand auch ein Aquarium in unserem Wohnzimmer, gefüllt mit Wasser, Fischen und Pflanzen. Meine Mutter erzählte mir dass, als sie eines späten Abends, bevor ich auf der Welt und mein Bruder demnach ungefähr drei Jahre alt war, sie vom Ausgang nach Hause kamen und im Wohnzimmer sonderbarerweise noch Licht brannte. Sie schlichen sich leise durch die Küche an und ertappten meinen Bruder beim Noodling. Mit blossen Händen habe er versucht die bunten Fische einzufangen. In seiner Pyjamahose steckte ein Fieberthermometer. Womit auch die Kreativität meines Bruders bewiesen ist. Mein Vater wurde übrigens, nachdem er den Wasserfilter und einen Boilerentkalker auf den Markt gebracht hatte, Unternehmer in der Medizinbranche.

Auch das Schreiben ist eine schöpferische Kraft, welche beinahe in allen meinen Verwandten steckt. Als ich in England und Frankreich aupairte und Internet und Mobilfunk noch nicht in jeder Hosentasche steckten, wurde ich von Familie und Freunden mit richtigen Briefen, teilweise sogar auf Luftpostpapier, auf dem Laufenden gehalten. Diese waren gespickt mit humorvollen Episoden aus deren Leben zu Hause oder in der Fremde. Natürlich überfiel mich fast immer ein schreckliches Heimweh bei deren Lektüre. Ich habe sie noch, diese papiernen Zeugen vergangener Tage. Und jedes Mal, wenn ich vor diesem kleinen Kistchen mit den Briefen knie, überfällt mich eine Wehmut, fast so schmerzhaft wie das damalige Heimweh. Und bestimmt ist auch dieses Kistchen daran schuld, dass diese Geschichte sich ungefragt verselbständigt hat und eine völlig andere Richtung einschlug, als ich eigentlich mit ihr gehen wollte. Aber sie gefällt mir. Sie darf hier bleiben.

Hartmut.

Sein Tag beginnt mit drei Anapästen und einem Jambus. Genauso wie Feldmarschall Radetzkys Marsch. Nein, Hartmut ist kein Freund der sanften Weckmusik. Hartmut zieht in die Schlacht. Entschieden schlägt er die Bettdecke zurück und manövriert seinen schlanken Körper so aus dem Bett, dass er mit beiden Füssen direkt in den Hausschuhen zum Stehen kommt. Im Badezimmer spritzt er sich kaltes Wasser ins Gesicht, rollt je drei Mal mit dem Deodorant über die Achselhöhlen und reinigt die Zähne gründlich mit Schall. Dabei beobachtet er sich eingehend im Spiegel. Nach getaner Morgenroutine federt er zurück ins Schlafzimmer, öffnet die Fenster und entriegelt die Läden. Ein Schwall kalte Winterluft schlägt ihm entgegen. Schnell schlüpft er in die am Vorabend bereitgelegte Jogging Kleider. Da ist es wieder, dieses heisere Bellen. Bestimmt Dörigs neuer Wadenbeisser, der beim Scheissen immer so wehleidig dreinblickt. Wenn dieses nervige Morgengebell bis Ende der Woche nicht aufhört, wird er sich wohl wiedermal beim Dörig vorstellig machen müssen.

In der Küche holt er den Humpen aus dem Schrank und füllt ihn mit Hahnenwasser. Er setzt sich rittlings auf den hohen Barstuhl und observiert die schwach beleuchtete Bergstrasse durch das Küchenfenster. Seine Strasse. Auf der einen Seite die Häuser der besser Betuchten und auf der anderen der Rebberg. Hartmut ist nun auch einer von ihnen. Doch er hat sich seinen Wohlstand selbst verdient. Nach einer beispielhaften Karriere bei einer Grossbank, die er glücklicherweise vor der Finanzkrise verliess, kümmerte er sich bis zur frühzeitigen Pensionierung vor zwei Jahren um das Vermögen eines schwedischen Grossindustriellen. Und weil Hartmut immer ein sehr bescheidenes Leben geführt hat, auf Ehefrau, Kinder und einen Zweitwagen verzichtet, konnte er genügend Vermögen ansparen, um sich das kleine Einfamilienhaus an der Bergstrasse ohne fremdes Geld zu kaufen. Hartmut steigt vom Hocker ab, stellt das leere Glas in die Spüle. Es ist an der Zeit aufzubrechen.

Wie strammstehende Soldaten reihen sich seine Laufschuhe auf dem obersten Boden des Schuhregals ein. Er packt die mit der griffigen Sohle, schliesst die Haustür auf und tritt hinaus in die kalte Morgenluft. Nach einem kurzen Rundumblick und zwei tiefen Atemzügen schliesst er die Tür hinter sich zu und schlüpft leicht fröstelnd in seine Schuhe. Den Hausschlüssel bindet er am linken Schnürsenkel fest.

Nun trabt er los. Vorbei an dem hässlichen Betonbau Schäfer-Henzes und deren Briefkasten de luxe, der in ihrem von jeglichem Geschmack desertierten Steingarten thront. Weiter zu Kramers verlassenem Türmchenbau, wo sich genau jetzt und wie von Geisterhand, in der Küche das Licht ein-, und gleichzeitig im Hauseingang ausschaltet. Nicht mal ein blinder Rumäne würde sich durch diese lächerliche Schutzmassnahme mit der Zeitschaltuhr täuschen lassen. Ein Wunder also, dass bei denen noch nie eingebrochen worden ist. Mit einem leisen Pieps schaltet sich das GPS an Hartmuts Fitness-Armband ein.

Vor Jasmins Garage steht wieder dieser senfgelbe Hummer. Hartmut drosselt sein Tempo. Dann sieht er sie. In ihrem engen rosa Morgenrock steht sie in der Küche und neben ihr, halbnackt, dieser Typ mit der Glatze. Seit der Scheidung lässt die aber auch gar nichts anbrennen. Man munkelt, ihr Ex-Mann hätte so richtig blechen müssen. Kein Wunder hat der mit dem Saufen angefangen.

Erst beim Wendeplatz nimmt Hartmut die Poster wahr. An Ort und Stelle trabend sieht er sich das A4 an der letzten Strassenlampe genauer an. Das Foto einer getigerten Katze, darüber «Finderlohn 2’000 Franken», darunter «Mutzli. Vermisst seit 20. Dezember». Dann noch ein Name und eine Telefonnummer. Zweitausend Franken? Dafür würde ihm Natascha mehr als nur den Rücken massieren!

Er schaltet die Stirnlampe ein und rennt weiter durch die Reben in den Gemeindewald. Nach der Geschichte mit dem Fuchs hat er den Wald für längere Zeit gemieden. Alle haben über ihn gelacht, ihn als Spinner abgetan, als Angsthasen. Doch keiner von denen hat gesehen wie ihm der Fuchs jeden Morgen aufs Neue auflauerte, plötzlich aus den Reben kam, ihm vom Wendeplatz bis zur Haustür folgte. Auch der Wildhüter hat ihn nicht ernst genommen. Doch er, Hartmut, wusste sich schon zu helfen. Nachdem er die Wurststücke mit dem Rattengift in den Reben verteilt hat, kam der Fuchs nicht mehr zurück. Verreckt ist es, das dumme Tier. Und mit ihm das dämliche Katzenvieh, das im Sommer zwei seiner Zuchtkarpfen aus dem Teich fischte.

Hartmut kehrt an diesem Morgen nicht von seiner Joggingrunde zurück. Sein Fehlen bleibt auch am darauffolgenden Tag unbemerkt. Erst als Kurt Schäfer-Henze zwei Tage später den Turnschuh mit dem Hausschlüssel in seinem Garten findet, hat man die Polizei alarmiert. Hartmuts Verschwinden wurde nie aufgeklärt. Im Rebberg der Nachbarsgemeinde taucht erneut ein Fuchs auf.

Die Personen und die Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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