Löyly und Walfischlappen.

Ich bin in Helsinki. Nicht, dass ich da schon immer hinwollte, es hat sich einfach so ergeben.

Gestern Morgen, als ich mir auf Gleis zwei mit leerem Blick die Einfahrt des Zugs nach Zürich herbeiwünsche, stosse ich auf Fräsi. Fräsi mein ehemaliger Vorgesetzter, setzt sich im Abteil vor mich, in Fahrtrichtung rechts. Bis kurz vor Olten parlieren wir ganz locker dahin, tauschen Geheimnisse aus, bringen uns auf den aktuellen Stand unserer bescheidenen Leben. Ich erzähle ihm von meinem neuen Job. Es handelt sich dabei um eine 40-Prozent-Anstellung im Stundenlohn beim Skilift Selital. Zwei Bügel-Lifte, «Selital» und «Gägger», die Bergstation auf 1’500 Meter über Meer. Die Anlage hat im 10-Jahres-Durschnitt etwa 15 Betriebstage. Letztes Jahr waren es ein Paar mehr, denn Petrus hatte grosszügig aus seiner Schneetüte geschöpft. Ein wenig Mathematik bringt es an den Tag, ich werde mich keinesfalls verausgaben.

Nach Olten geben wir unserem Gespräch etwas mehr Tiefe, werden gar ein wenig philosophisch. Fräsi kann das, der denkt über Dinge nach. «Jeder Mensch hat die Wahl», sagte er mir einmal bei einer anderen Gelegenheit. Ich dachte viel über die Bedeutung dieser Worte nach, sie sind mir geblieben, schufen Momente der Verwirrung und Klarheit. Auch jetzt, kurz nach Olten, reden wir übers Entscheiden. Unser Leben ist geprägt von Entscheidungen. Fräsi steigt in Zürich aus und ich bleibe sitzen.

Helsinki also. Zwischenstopp. Würde man mich zwingen, alle Staaten nördlich der Schweiz auf ein weisses Papier zu zeichnen, wäre das Ergebnis eine enorme Blamage für mich. Müsste ich dann obendrauf noch erklären was die NATO ist, überstiege meine Scham unser aller Vorstellungsvermögen. Trotzdem durfte ich in Helsinki einreisen. Im Vorfeld meiner Reise überlegte ich mir natürlich, was es wohl bei der Finnischen Fluglinie zu Essen gibt. Ich stellte mir auf Zahnstocher gespiesste Lappen vom Walfisch vor. Und dass es Lebertran sowie vergorene Braunbärmilch anstelle von Tee und Kaffee gäbe. Ich imaginierte, dass die Hostessen Foulards und Mützchen mit Rentierdrucken tragen. Und dass die Sitze der Business Class mit Rentierfellen überzogen und die Flugzeug-Nasen Rudolf-Rot angemalt sind. Natürlich bewahrheiten sich meine Fantasien nicht und ausser der Bord-Sprache gibt es keine signifikanten Unterschiede zu anderen Fluglinien. Dass ich nach Finnland fliege wird mir erst richtig gewahr, als ich den Passagier entdecke, der den Zwergen aus «Herr der Ringe» zum Verwechseln ähnelt: Er ist stark untersetzt und trägt seinen Bart mit drei Gummibändern zu einem langen Schwänzchen gebunden.

Die Landung in Helsinki erfolgt dann durch eine dicke Schicht furchterregender Wolken. Meist durchsticht man diese Wolkenbänke ja gänzlich und findet am unteren Ende eine sichtbare Flughafen-Landschaft vor. Nicht so in Helsinki. Dennoch finde ich aus dem Flieger in den Bus und in mein Hotel. Und ich finde sogar das Design-Museum. Den Finnen wurde das Design ja quasi in den Schlitten gelegt! Man denke nur an die Fiskars-Schere oder den Ball-Chair und die viele anderen tollen Dinge, welche man gerne in seinem Wohnzimmer stehen hätte.

Ich finde Finnland und die Finnen auf Anhieb sympathisch. Wenn ein Volk eine Sprache spricht, welche hauptsächlich aus Umlauten besteht, dazu noch ein Gefühl für Ästhetik hat und sich bei Saunameisterschaften fast zu Tode schwitzt, dann erhält es von mir das Prädikat «cool».

Morgen Abend reise ich weiter nach Nordindien. Dort werde ich mich in einen Luxus-Ashram zurückziehen und in einem weissen Pyjama während neun Tagen meine Spiritualität erforschen. Nähdään!

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