In der Grube des Zweifels.

Sie sitzen draussen vor der Pizzeria an der Plaza del Rey und warten auf ihr Essen. Es ist bereits dunkel und vermutlich viel später als ihre übliche Essenszeit zu Hause. Sie sind schweigsam, sehen müde aus. Die Kleinste beginnt zu greinen. Zuerst leise, dann laut. Essen interessiert sie nicht. Sie will aus der Gefangenschaft ihres Buggies befreit werden und mit dem bunten Ball auf dem Platz herumtoben. Um den Frieden zu wahren befreit die Mutter das Kind. Doch genau jetzt werden die Pizzas gebracht. Die Kleine nutzt den Moment und spurtet los. Die Mutter hinterher. Die Kleine ist sehr schnell doch die Mutter fängt sie ein. Sie ruft ihrer Familie zu, man solle ihr ein Stück Pizza bringen. Mit dem angebissenen Stück Pizza in der Linken und dem laut protestierenden Kind an der Rechten kehrt sie kauend an den Tisch zurück. Dann holt sie kauend den Ball vom Platz und steckt ihn weg. Die Kleine will den Ball wiederhaben. Die Mutter will jetzt Pizza essen. Das Kind ist mit der Situation nicht einverstanden und schreit sich in Rage. Der Ball muss wieder her. Und weil die Mutter ja nun ihre Pizza essen möchte, kriegt die Kleine den Ball zurück und sprintet in einem Affenzahn gleich wieder los. Am Tisch werden Blicke gewechselt. Wer soll nun aufstehen? Die Mutter tut es und holt die Kleine erneut an den Tisch zurück. Nun lässt das Kind seinen Unmut am Mobiliar aus. Ein Stuhl fällt um. Jetzt wird es dem Vater zu bunt, er packt das brüllende und sich windende Kind in den Buggie und schiebt es davon.

Das war vor zwei Tagen. Jetzt sitze ich in einem dieser bequemen Sessel welche der Flughafen Ibiza neuerdings den müden Hintern des Jetsets zur Verfügung stellt, mein Blick über die Flugpiste hinweg über die Salinen-Landschaft schweifend. Die Sonne strahlt, die Temperatur liegt bei angenehmen 23 Grad. Oktoberluft klärt die Sicht, die Farben in den Salzwasserbecken sind intensiv. Ich mag die Insel zu dieser Jahreszeit. Touristenströme verebben zu kleinen Rinnsalen, Ruhe kehrt ein. Eigentlich paradiesische Verhältnisse, wenn da nicht diese kleinen Terroristen wären. Jetzt, wo die Schulferien vorbei sind, reisen Familien mit kleinen Kindern an. Erbarmungslose Zwerg-Terroristen erobern das Paradies. Für mich, als nicht bedingungslos kinderliebendes Individuum, birgt diese Form von Terrorismus ein erhöhtes Stresspotenzial. Ich kann’s nicht so gut mit Kindern. Nur selten schaffe ich es auf ihre Wellenlänge, wir harmonieren nicht. Wenn ich mein Coming-out als kinderlose Kindermisanthropin habe, begründe ich mein Unvermögen damit, dass die meisten Kinder schlecht erzogene kleine Terroristen sind. Dafür können die Kinder natürlich nichts, sie erziehen sich ja nicht selbst.

Bis hierhin kam ich mit meinem ursprünglichen geplanten Essay über Kinder-Terroristen. Und dann fiel ich in die Grube des Zweifels. Doch anstatt die Leiter der Ignoranz hochzuklettern («Geht mich ja alles nichts an. Die Kinder, die Menschheit, die Welt. Geht ja sowieso alles den Bach runter!») blieb ich in der Grube hocken, grub meine Finger in den Schlamm und dachte nach. Was will ich denn nun eigentlich sagen hier? Will ich der Öffentlichkeit erklären warum ich keine Kinder habe? Meine Unzulänglichkeit rechtfertigen? Den Eltern, welche meiner Meinung nach ihren Kindern zu wenig Grenzen setzten, mal gehörig die Meinung sagen? Tipps für die Erziehung geben? Die Sinnhaftigkeit des Kinderkriegens in der heutigen Zeit hinterfragen? Für Gleichberechtigung appellieren? Die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft beleuchten? Versuchen zu Begründen, warum es meiner Meinung nach zu wenig Frauen in leitenden Positionen hat?

Ich grub etwas tiefer. Was ist denn meine Meinung? Was ist eine Meinung überhaupt? Wie bilde ich mir meine? Habe ich überhaupt das Recht meine Meinung über Dinge zu äussern, von denen ich wenig Ahnung habe? Und was steht für mich auf dem Spiel?

Zum Beispiel wenn ich sage, meiner Meinung nach sollten sich Frauen gut überlegen ob sie Kinder wollen oder nicht? Ob sie bereit sind ihre eigenen Bedürfnisse so lange zurückzustellen bis ihr Kind der Schutzbedürftigkeit entwachsen ist. Dass man es dem Kind doch schuldig ist, ihm Alles zu geben was man kann, damit es irgendwann das Rüstzeug hat für diese verrückte Welt. Dass ich darum finde, dass der Kinderwunsch und der Wunsch gleichzeitig die eigene Karriere weiterzuverfolgen sich oft nicht vertragen. Warum will man denn überhaupt Kinder, wenn man seine eigenen Bedürfnisse nicht zurückstellen kann?

Kann es denn sein, dass wir zu viel wollen? Dass wir die Grenzen unserer Selbst nicht erkennen oder aus den Augen verloren haben? Würde uns ein wenig Einfachheit womöglich gut tun? Wäre dann unser Leben nicht entspannter, unsere Kinder zufriedener?

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