Die Ehe ist kein Wurstsalat.

Der Weg vom Tal hinauf zur Engstligenalp ist nicht sehr lange, dafür umso steiler. Nicht nur Wanderer und neuerdings auch Trailrunner nutzen ihn für den Aufstieg, sondern, einmal im Jahr während des Alpaufzugs, auch 500 Kühe. Und somit wird die „Engstligen“, die gemäss Einheimischen nur für die Mutigen ist, im Sommer zum Pilgerort für Menschen und Kühe. Dicke, Asiaten und Familien mit kleinen Kindern fahren gerne mit der Bahn hoch, denn der steile Aufstieg ist anstrengend. Darum gibt es bei der Bergstation auch einen Defibrillator. Oben angekommen erfreut man sich eines wunderbaren Hochplateaus mit saftigen Blumenwiesen, grasenden Kühen, Kälbern, Geissen und Esel. Diese mischen sich auch gerne mal unauffällig unter die Spaziergänger. Die Engstligen ist ein kleines Idyll, eine heile Welt vor Bilderbuchpanorama.

Heute mache ich meine Mittagsrast auf der Terrasse des Bergrestaurants. Ich mag es an Orten zu rasten, an denen sich Menschen aller Art treffen, denn dort gibt es immer viel zu beobachten. So auch heute. Wohlbeleibte Menschen verzehren Speckrösti und Bananensplit, die Dürren essen nichts, Senioren geniessen Kaffee und Kuchen, Sportskanonen und Wandervögel tanken grosse Biere. Und ich sitze schweissgebadet mittendrin, vor mir ein Rivella und blicke verträumt auf den Wildstrubel als sich ein älteres Päärchen zu mir setzt. Die anderen Tische sind zwar nicht voll besetzt aber ich habe nun mal diese einladende Ausstrahlung. Normalerweise komme ich ins Gespräch mit Leuten die sich zu mir setzen. Heute ist dem aber nicht so und mit beiläufigem Gesichtsausdruck belausche ich unauffällig meine Tischnachbarn.

Sie: „Setz dich doch hier hin.“
Er: „Nein, ich möchte dort sitzen.“
Sie: „Okey, dann stelle ich den Rucksack halt hier hin.“

Sie setzen sich und greifen nach der Speisekarte.

Er: „Was nimmst du?“
Sie: „Ich schwanke zwischen Röschtitätschli und Flammkuchen. Und was nimmst du?“
Er: „Ich nehme den Wurst-Käse-Salat.“
Sie: „Wurst ist aber nicht gesund!“
Er: ——– (langes Schweigen)
Sie: „Doch wenn du Lust hast darauf, dann nimm doch den Wurst-Käse-Salat. Was möchtest du trinken?“
Er: —– (Schweigen)
Sie: „Wir nehmen einen Liter Wasser.“
Er: „Ich nehme eine kleine Apfelschorle.“
Sie: —– (Schweigen)

Dann kommt die Servicefachangestellte um die Bestellung meiner Tischnachbaren entgegen zu nehmen. Die Frau ordert Flammkuchen und dazu zwei Gläser Leitungswasser. Der Mann bestellt einen Wurst-Käse-Salat und eine kleine Apfelschorle. Der Tisch nebenan wird frei.

Sie: „Schau, die gehen, komm wir setzen uns dorthin.“
Er: „Nein, der füllt sich doch jetzt sofort wieder.“
Sie: „Ja klar, mit uns natürlich.“

Ich muss weg. Und zwar schnell, denn weiteres Lauschen verkrafte ich nicht. Ich packe meinen Rucksack, renne in Richtung der Bahn, ramme unterwegs Kühe, Geissen und Menschen und schaffe es mit einem wagemutigen Sprung in die bereits losfahrende Gondel. Auf dem Heimweg denke ich dann über die Ehe nach. Und über Zweisamkeit. Es gibt Dinge die ich nicht gerne alleine mache: Trinken, Philosophieren, Verrenkungen aller Art, Abends in Restaurants essen, im Wald Feuer machen, lange Strecken Autofahren. Doch bevor ich jetzt mit dem Denken weiterfahre, gönne ich mir erst mal einen Wurstsalat.