Ich, Lorraine-Yuppie.

Ich wohne in der Lorraine. Die ist jetzt gentrifiziert. Nicht nur wegen mir. Als Gentrifizierung (Yuppisierung) bezeichnet man den sozioökonomischen Strukturwandel bestimmter großstädtischer Viertel im Sinne einer Attraktivitätssteigerung für eine neue Klientel und den anschließenden Zuzug zahlungskräftiger Eigentümer und Mieter. Damit verbunden ist der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen (Quelle: Wikipedia).

Gerade jetzt sitze ich im hübschen Café Fleurie im Botanischen Garten. Der ist auch in der Lorraine. Am Tischchen neben mir sitzen zwei grauhaarige Männer mit einem circa 5-jährigen Kind. Die Männer sind aus dem Kulturbetrieb. Sie besprechen den Ablauf eines Theaterstücks. Ich bekomme alles mit, von der geplanten Laudatio über das Bühnenbild bis hin zur Plakatgestaltung. Das Kind nervt. Es macht komische Geräusche, wie ein verwundetes Tier. Es macht das, weil sich keiner mit ihm abgibt. Der Vater, in den späten Fünfzigern, lässt das Kind gewähren. Es wird vermutlich antiautoritär erzogen. Und freigeistig. Zu einem achtsamen Menschen gemacht. Vater und Kind tragen bunte Socken aus Wolle. Die hat bestimmt die Kindsmutter gestrickt. Sie gehen jetzt „spaziereli“. Es wird ruhig und ich kann mich wieder meinem ursprünglichen Text widmen.

Kurz nachdem ich mich entschied in die schöne und teure Dachwohnung in der Lorraine zu ziehen, habe ich das Quartier natürlich ein wenig erkundet. Ich habe im Lola-Laden eingekauft und das freundliche Personal hat mich genauso überzeugt wie das vielfältige Käse-Sortiment und die lokalen Biere. Dann ging ich Morgens um 9 Uhr in den Wartsaal um herauszufinden ob man dort um diese Zeit bereits einen guten Kaffee trinken kann. Man konnte. Und ich war nicht alleine, es sassen noch eine junge Frau da und ein Mann mit seinem Kind (das keine komischen Geräusche machte). Ich setze mich also ein wenig abseits an einen Tisch und beobachtete die morgendliche Kaffeerunde. Die Frau und der Mann kannten sich offenbar vom Sehen. Sie sprachen über die leeren Tische hinweg zueinander und ich hörte alles was sie sagten. Das Gespräch ging in etwa so:

Sie: „… ja ich bin auch auf der Suche, es ist halt nicht einfach“.
Er: „… die machen alles kaputt. Hier gibt es fast keinen günstigen Wohnraum mehr, insbesondere für Familien. Zum Beispiel an der Nordstrasse, diese neuen Wohnungen. Nur für die Reichen. Ich ziehe weg, mir gefällt’s hier nicht mehr.

Und genau an dieser Nordstrasse, ja, da wohne ich. Sofort bekam ich ein ungutes Gefühl und machte mich ganz klein. Bin ich Mitschuld an der Gentrifizierung der Lorraine? Was soll ich nur sagen, wenn mich ein Quartierbewohner fragt wo ich wohne? Muss ich dann lügen, weil er mich sonst zukünftig auf der Strasse schneidet? Was, wenn die Verkäuferinnen im Lola-Laden oder im Q-Laden erfahren wo ich wohne? Werde ich dann nicht mehr freundlich bedient? Kann ich zukünftig nur noch bei Dunkelheit mit meinem Volvo-SUV in die Tiefgarage fahren? Bin ich hier gar nicht willkommen? Habe ich die falsche Entscheidung getroffen?

Aber nein, mir gefällt es doch in der Lorraine! Ich möchte mich hier nicht auf eine Diskussion zu günstigem und teurem Wohnraum einlassen. Meine Wohnung war auf dem Markt, ich habe das Angebot angenommen. Mir gefällt es, wenn sowohl für Familien mit kleinem Budget wie auch für gutverdienende SINKs und DINKs im selben Quartier Wohnraum zur Verfügung steht. Ich mag den Mix aus Wollsocken und SUVs. Dieser Mix macht die Attraktivität dieses Quartiers doch aus!

Ich bin übrigens durchaus anpassungsfähig. Nie gehe ich Morgens mit Make-up und gemachten Haaren durchs Quartier. Nie gehe ich mit Globus-Papiersäcken ins Migros um die Ecke. Immer warte ich geduldig bis angeregt miteinander diskutierende Mütter mit Kindern und Trottinetts im Schlepptau langsam den Fussgänger-Streifen überquert haben. Nie überhole ich die Velofahrer im Quartier. Und Sonntags stehe ich sogar an für eine Züpfe aus dem Q-Laden. Ungewaschen natürlich!

Ein Kommentar zu „Ich, Lorraine-Yuppie.

  1. Neim, dss Quartier wird nicht ausgemacht von SUV‘s und Wollsocken. Die sogenanntem Yuppies tragen nichts zum Ortsbild bei und wollen nur profitieren und meckern dann sogar noch wenns Graffiti an ihr Haus gibt, da Streetart ja wenigstens noch schön wäre… Üsi Strasse üsi Quartier, weg mit de Yuppies, weg mit dr Schmier! 🙂

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