Ich, Lorraine-Yuppie.

Ich wohne in der Lorraine. Die ist jetzt gentrifiziert. Nicht nur wegen mir.

Gentrifizierung (Yuppisierung) bedeutet: sozioökonomischer Strukturwandel bestimmter großstädtischer Viertel im Sinne einer Attraktivitätssteigerung für eine neue Klientel und den anschließenden Zuzug zahlungskräftiger Eigentümer und Mieter. Damit verbunden ist der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen (Quelle: Wikipedia).

Kurz nachdem ich mich entschieden habe in die schöne teure Dachwohnung in der Lorraine zu ziehen, erkundige ich das mir noch fremde Quartier. Ich kaufe im Lola-Laden ein und das freundliche Personal überzeugt mich genauso wie das vielfältige Käse-Sortiment und die lokalen Biere. Dann gehe ich Morgens um 9 Uhr in den Wartsaal um herauszufinden, ob man dort um diese Zeit bereits einen guten Kaffee trinken kann. Man kann und ich bin nicht alleine da. Ich setze mich ein wenig abseits an einen Tisch und beobachtete die morgendliche Kaffeerunde. Eine Frau und ein Mann, die sich vermutlich vom Sehen kennen, sprechen angeregt über einen leeren Tisch hinweg:

Sie: „… ja ich bin auch auf der Suche, es ist halt nicht einfach.“
Er: „… die machen alles kaputt. Hier gibt es fast keinen günstigen Wohnraum mehr, insbesondere für Familien. Diese neuen Wohnungen an der Flohstrasse zum Beispiel, nur für die Reichen, mir gefällts hier nicht mehr.“

Und genau an dieser Flohstrasse wohne ich. Ich bekomme ein ungutes Gefühl und mache mich ganz klein. Bin ich Mitschuld an der Gentrifizierung der Lorraine und am Wegzug dieses Mannes? Was soll ich nur sagen wenn mich ein Quartierbewohner fragt wo ich wohne? Muss ich lügen weil er mich sonst zukünftig auf der Strasse schneidet? Was, wenn es die Verkäuferinnen im Lola-Laden oder im Q-Laden erfahren? Werde ich dann nicht mehr freundlich bedient? Kann ich zukünftig nur noch bei Dunkelheit mit dem Auto in die Tiefgarage fahren? Bin ich hier gar nicht willkommen? Habe ich die falsche Entscheidung getroffen? Aber nein, mir gefällt es doch in der Lorraine!

Ich möchte mich hier nicht auf eine Diskussion zu günstigem und teurem Wohnraum einlassen. Meine Wohnung war auf dem Markt, ich habe das Angebot angenommen. Mir gefällt es wenn sowohl für Familien mit kleinem Budget wie auch für Gutverdienende im selben Quartier Wohnraum zur Verfügung steht. Ich mag den Mix aus Wollsocken und SUV, denn dieser macht die Attraktivität dieses Quartiers doch aus.

Ich bin übrigens durchaus anpassungsfähig. Nie gehe ich Morgens mit Make-up und gemachten Haaren durchs Quartier oder mit Globus-Papiersäcken in die Migros um die Ecke. Immer warte ich geduldig wenn angeregt miteinander diskutierende Mütter mit Kindern und Trottinetts im Schlepptau langsam den Fussgänger-Streifen überqueren. Nie überhole ich Velofahrer im Quartier. Und Sonntags stehe auch ich in der langen Schlange im Q-Laden an um eine Züpfe zu kaufen. Geduldig und ungewaschen versteht sich von selbst!