Halo. And goodbye!

Neulich begann ich mit einem etwas hundigen Text über einen bestimmten Typus des männlichen Ibiza-Touristen. Und als ich so verbal auf ihn einschlug auf diesen unschuldigen Mann, der unrasiert, mit FOOBF (Fake Out Of Bed Frisur), in Jeansjacke, ausgebeulter Turnhose und Sneakers sowie bunten Stoff-Armbändchen, welche er lässig zur Rolex oder Panerai kombinierte, seiner Ferien-Identität frönte, tauchten aus dem Sumpf meines Gewissens Fragen auf. Wie Schnecken, die langsam aus dem Erdreich kriechen.

Die erste Schnecke kroch bereits ans Licht, als ich letzte Woche neben diesem Ü50-Vater mit den Wollsocken und dem Psychoaktustik-Kind im Café Fleurie sass. Das Wollduo war mir nicht geheuer. In meinem Kopfkino ging ein Film ab von einer mit Bananenbrei verklebten Küchenkombination und ungesaugten Wollteppichen. Auslöser dafür war, dass ich Dinge aus Wolle nicht mag. Die kratzen auf der Haut. Wollschals zum Beispiel, hinterlassen auf meinem bereits ein wenig altersfaltigen Hals hässliche rote Flecken. Dieses Problem könnte ich umgehen, würde ich Schals aus shatush, der Wolle der Tibet-Antilope, tragen. Aber so einen Schal zu besitzen ist nicht korrekt, denn dafür müssten so einige Tschirus ihr Leben lassen. Also. Wo war ich. Genau. Die Frage. Warum beurteile ich einen Menschen, der eine Eigenschaft hat welche mir nicht passt, einfach mal grundsätzlich negativ? Hat er mir Böses getan? Nein.

Es gibt eine einfache Antwort auf diese Frage. Sie hat nichts mit meinem etwas zweifelhaften Charakter zu tun (auch nicht mit Beyoncé), sondern gründet in der Sozialpsychologie und lautet: Halo-Effekt. (Einzelne Eigenschaften einer Person wie Attraktivität, Behinderung, sozialer Status, erzeugen einen positiven oder negativen Eindruck, der die weitere Wahrnehmung der Person „überstrahlt“ und so den Gesamteindruck unverhältnismäßig beeinflusst.) Quelle: Wikipedia.

Ich erliege ihm immer wieder, dem Halo-Effekt. Ganz besonders bei Erstbegegnungen mit potenziellen Vätern der Kinder, die ich nie haben wollte. Das läuft dann in meinem Kopf etwa so ab:

a) Cool, ja, juppie! Er mag Spaghetti Bolo genauso gern wie ich. Wir haben ja so viel gemeinsam. Klar, er war mal Neonazi, doch jetzt ist er ja nur noch aktiver SVP’ler. Egal. Er mag Spaghetti Bolo.

b) Cool, ja, juppie! Er mag keine Wollschals. Wir sind uns total ähnlich. Klar, er arbeitet zwar als Schönheitschirurg in der Pyramide und seine freie Zeit verbringt er mit seiner Oldtimer-Sammlung. Aber egal. Er hasst Wollschals genauso wie ich.

c) Cool, ja, juppie! Er hat alle Staffeln von Dark Angel auf Netflix gesehen. Wir sind voll Seelenverwandte. Klar, er ist leidenschaftlicher Jäger und verbringt seine Ferien in Afrika, auf Big Five-Safaris. Egal. Wenigstens ist er nicht vegan.

Und dann, irgendwann, lässt der Halo nach und gleichzeitig auch die Anziehungskraft. Und was dann noch bleibt, ist eine fette Portion Spaghetti Antilopen-Bolo vor dem TV. Und ab und zu hundiges Ablästern über Wollsocken- und Ferien-Identitäten.