Siehst du mich?

Der Vollmond taucht die Umgebung in ein sanftes Licht. Die Türe zur Terrasse steht offen und der laue Herbstwind streichelt mein Gesicht. Es war ein schöner Abend. Und eine lange Nacht. Die Mädels waren gut drauf, wir haben Tränen gelacht. Viel getrunken. Wild getanzt. Irgendwann dann der Aufbruch. Jede ging in eine andere Richtung fort. So auch ich. Jetzt sitze ich hier im Dunkeln, schaue über die Strasse hinweg zu seinem Haus und warte auf den Sonnenaufgang. Die Katze schnurrt. Bist du da?

Er zog im letzten Frühling ein. Alleine. Das Haus stand lange Zeit leer. Keiner hat sich darum gekümmert. Ein Erbstreit. Die Sträucher schossen in die Höhe, das Gras wuchs wild und der Pool füllte sich mit Laub und Ästen. Im Winter hängen die mit Schnee bedeckten Tannäste bis zum Boden. Im Sommer blühen exotische Pflanzen, deren Samen der Wind heranträgt. Ich bin froh, dass er auch nach seinem Einzug der Natur ihren Lauf lässt. Du hast ein gutes Herz.

Ich war mit der Katze auf der Terrasse als der Transporter ankam. Es war einer der ersten milden Tage. Sonne und Vogelgezwitscher. Meine Finger in warmes, staubiges Fell vergraben als ich ihn aussteigen sah. Trotz der Distanz hatte ich das Gefühl, dass unsere Blicke für einen kurzen Moment aneinander haften blieben. Die Katze wand sich aus meiner Liebkosung und stob davon als ich die Hand zum Grusse hob. Er grüsste zurück. Woher kommst du?

Das war vor 6 Monaten. Ich habe ihn noch nicht kennengelernt. Wir sind uns nie per Zufall auf der Strasse oder beim Einkaufen begegnet. Unterschiedliche Lebens-Rhythmen. Er arbeitet in der Nacht. Manchmal, wenn ich am Morgen mein Haus verlasse, sehe ich seinen Schatten im Eingang verschwinden. Nur die Katze wagt sich ab und zu in seine Nähe. Geduldig sitzt sie unter der Tanne im wilden Garten und beobachtet die Vögel. Wer bist du?

Manchmal stelle ich mir vor wie er nach Hause kommt. Die Türe hinter sich zuzieht, den Schlüssel auf die Kommode legt, die Jacke an der Garderobe aufhängt, die Schuhe auszieht und in eine Ecke kickt. Er bleibt im Dunkeln. Wie er in die Küche geht, sich den Orangensaft aus dem Kühlschrank holt und grosse Schlucke direkt aus dem Tetra-Pack in seinen Magen zieht. Wie er die Treppe hochgeht, sich auszieht, die Kleider über einen Stuhl wirft. Wie er sich die Zähne putzt. Müde. Den nackten Oberkörper an die kühlen Fliesen gelehnt. Wo warst du?

Die Katze hört auf zu schnurren und hebt den Kopf. Beide nehmen wir eine sanfte Bewegung in seinem Fenster wahr. Den schwachen Schein eines gedämpften Lichts. Oder waren es nur das Mondlicht und der Wind. Siehst du mich?

 

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