Mein kein Valentinstag.

Der Tag ist noch jung und das Erste, was meine Sinne wahrnehmen, ist etwas Warmes zwischen meinen Knien. Es fühlt sich gut an. Es sind meine Hände. Ich schlafe eben so. Auf eine Seite gekippt, die Knie angewinkelt, die Hände dazwischen eingeklemmt. Man nennt das verkrampfte Embryonalstellung. Manchmal trage ich dazu noch Socken. Immerhin schlafe ich in einer Stellung ein. Und weil ich in der Nacht ein wenig schwitze, fühlt sich Erwachen dann wie eine Geburt an. Ich kann mich an meine allerdings nicht mehr erinnern. So gleite ich also aus dem warmen Feucht meines Bettenleibs in einen neuen Tag. Ich mag mich aber noch nicht bewegen und lausche dem regelmässigen Atem von mir selbst. Dann setzt das Gehirn ein. „Joel Kinnaman“, ist mein erster Gedanke. Der Zweite ist „Kaffee“. Und der Dritte, klar und schneidend wie die eiskalte Morgenluft: „ich selber machen“. Denn Joel ist ja nicht da. Also stehe ich auf und tapse in die Küche. Und – ich traue meinen Augen – da steht kein Tablett mit Honig-Schnittchen, Mango-Lassi, geschälten Litschis, Bio-Yoghurt mit Knuspermüsli und entkerntem Passionsfruchtmark, Saft aus frischgepressten spanischen Blond-Orangen und ein Kaffee Latte mit Herzchen-Ornament und Liebesgedicht im Schaum der Hornkuh-Vollmilch. Also dreh ich auf den Fersen um und geh ins Bad. Und stolpere prompt über kein Meer von Blättern eines Strausses Baccara-Rosen mit ungerader Anzahl Blumen, gezupft von kolumbianischen Drogenschmugglerinnen. Dann schaue ich in den Spiegel und sehe kein dank multiplen Mehrfach-Orgasmen total entspanntes Gesicht mit innerem Lächeln. Also dreh ich erneut um und öffne das Wohnzimmerfenster um ein wenig zu Lüften. Und da! Auf dem Dach des Münsters, da landet nicht der Adler von Adelboden mit seinem Gleitschirm und hält ein Spruchband mit der Aufschrift: „Brandy, hottest girl in town, will you be mine?“ Ich schliesse das Fenster und da klingelt es nicht an meiner Haustür. Ich reisse mir die Socken von den Füssen, lockere den Gurt meines Morgenmantels und öffne erwartungsvoll. Joel Kinnaman steht nicht in sexy Jogging-Kleidung, ausser Atem und leicht verschwitzt vor meiner Tür und fragt, ob er bei mir duschen könne, weil er sich zu Hause ausgesperrt habe. Wir sind ja nicht in Hollywood! Ich gehe ins Schlafzimmer und schlüpfe zurück in den noch feucht-warmen Bettenleib und beginne mit der Lektüre von Geoffrey Chaucer’s 700-zeiligen Reim „Parlament of Fowls“ (Das Vögel-Parlament). Damit hat er im 14. Jahrhundert einen Grundpfeiler für den Valentinstag gesetzt. Im 18. Jahrhundert ging es dann mit den Blumen und Grusskarten los. Und heute dient der Valentinstag hauptsächlich der Wirtschaft (siehe Mastercard Love Index).

Up my ass!

Ein Kommentar zu „Mein kein Valentinstag.

  1. Hahaha… sehr schön, Frau Brandy. Ich habe mich gerade 2 Leseminuten lang köstlich amüsiert, danke für die Abwechslung im Alltag. Und nun back to work. Ich und du ebenfalls – weiter im Text.

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