Über das Zögern.

Ich stehe am Zebrastreifen, die Ampel zeigt Rot. Bis zum nächsten Grün könnte ich die Strasse mindestens fünf Mal auf einem Einrad überqueren und mir dabei mit den Füssen Zöpfe flechten. Es besteht auch nicht die Gefahr, dass ich von einem plötzlich aus dem Himmel fallenden Auto erschlagen werde. Doch anstatt selbstbewusst loszumarschieren und dem roten Leucht-Fussgänger in der Ampel den Stinkfinger zu zeigen, zögere ich und starte gleichzeitig wie die Autos. Unschlüssig bleibe ich auf dem ersten gelben Streifen stehen und glotze dümmlich der anrollenden Blechgewalt entgegen um dann in panischer Angst umzudrehen.

Als Snowboard-Anfängerin mache ich mir vor Fahrten auf Ziehwegen immer ein wenig in die Hose und behaupte dann, das Feuchte wäre Schnee vom letzten Sturz. Wer auf dem Ziehweg bremst, outet sich als totaler Waschlappen und muss, weil der Schuss nicht bis zum Ende reicht, das Brett abschnallen und zu Fuss gehen. Oder wird vom Instruktor wie ein toter Wal ans Ziel gezogen*. Sobald ich nun auf einen Ziehweg komme, schaltet mein Hirn-TV auf den Horror-Kanal sodass ich bremse. Natürlich riskiere ich, nebst Blamage und Verlust sämtlichen Selbstwertgefühls, von einem Skifahrer angespuckt und/oder überfahren zu werden.

Auch im zwischenmenschlich-erotischen Bereich zögere ich oft und versaubeutle mir die besten Erlebnisse schlechthin. Eingeladen, um mir die Dreharbeiten zu einer Episode von Altered Carbon hinter der Kulisse anzuschauen und anschliessend mit  Joel in seiner Garderobe ein paar Biere zu trinken, zögerte ich erneut im falschen Moment: „Ach nein, ich kann nicht, meine Beine sind so haarig …“

Was ist denn nun schlimmer: Eine Sache tun und sie vergeigen oder eine Sache nicht tun und etwas Gutes dabei verpassen? Kann es sein, dass die Antwort auf diese Frage sich mit zunehmendem Alter von Vergeigen auf Verpassen ändert? Oder ist mein Zögern angeboren? Ein Gen-Defekt? Oder am Ende mangelndes Selbstbewusstsein?

Auf jeden Fall ist es völlig unnötig und ich sage meinem Zögern den Kampf an! Möglicherweise werde ich künftig etwas mehr Schmerz ertragen müssen aber dafür auch mehr spüren vom Leben.

Joel, ich komme!

*Bei der offiziellen Snowboardschule Adelboden ist das Abschleppen übrigens im Kursgeld inbegriffen.