Ich bin nicht locker!

Ich habe mir überlegt ob ich diesem Blog nicht doch ein kleines Konzept zu Grunde legen sollte. Zum Beispiel könnte ich eines der schönen Worte aus meiner erlesenen Sammlung picken, eines das ich wirklich mag, so wie Anus zum Beispiel. Oder Aufschnitt. Vielleicht auch eines, das zu meiner jeweiligen Gefühlslage passt. Und dann dazu etwas schreiben. Aber ich mag keine Konzepte. Sie haben mich jahrelang in Angst und Schrecken versetzt. Dummerweise kommt man als Beraterin in einer Werbeagentur nicht um sie herum. Wenn meine Chefin jeweils sagte „ja, Susan, jetzt schreib halt das Konzept“ setzte bei mir sofort die Flachatmung ein und ich brach innerlich zusammen. Da sass ich dann wie ein zu früh aus dem Ofen genommenes Käsesoufflé vor Titeln wie „Ausgangslage“ und „Zielsetzung“. Überlegte stundenlang was ich denn darunter schreiben könnte. Und kurz vor dem Abgabetermin, die Nerven lagen blank, die Tränen an den Augenrändern zum Absprung bereit, schlich ich mich ins Chefinnen-Büro. Ich brauchte nichts zu sagen, mein Gesichtsausdruck verriet augenblicklich die ganze Misere: ich hatte nichts. Die Chefin setzte dann ihr verständnisvolles Lächeln auf und sagte: „Brandy, entspann dich, bleib einfach locker, du kannst das!“

Doch das Locker-Bleiben wurde bei der Vergabe meiner Eigenschaften irgendwie ausgelassen. Das war wohl so:

Jemand: „Brandy isch nögscht, was meinsch, was sölled mer? 90/60/90? Stupsnase? Langi Bei? Sälbschtsicherheit, Empathie und Lockerheit jewiils 100%? Oder eher alles chli abefahre?“

Gott: „Abefahre, süscht längts nöd für alli, unbedingt alles abefahre!“

Irgend eine: „Würklich alles?“

Gott: „Ja aso guet, d’Brüscht lömmer.“

Wer weiss denn schon was da so im Rucksäcklein steckt, wenn man aus dem Mutterleib rutscht. Aussuchen kann man es sich nicht. Dabei würde es mein Leben erheblich erleichtern, wenn ich im Umgang mit mir selbst etwas lockerer wäre. Mein Gesichtsausdruck würde von grimmig-verbissen zu freundlich-offen mutieren. Der Marianengraben über meiner Nase würde sich glätten und meine Nackenmuskeln sähen nicht mehr aus wie die Drahtseile einer Gondelbahn. Ich sässe nicht mehr wie ein trauriger Nussgipfel am Tisch sondern aufrecht, Brüste fröhlich nach vorne gestreckt. Durchfall und Schwindel vor und während und nach einem Rendez-vous wären mir unbekannt. Alles was tief in mir drin steckt käme zum Vorschein. Zum Beispiel diese unkontrollierbare Schwäche für …

Ich bin nicht locker. Ich bin ein hartes Stück Arbeit. Ich bin Susan Brandy.