Verzweiflung stinkt.

Eigentlich wollte ich über die angestrengt lustigen Namen von Coiffeur-Salons schreiben. Doch es gibt etwas, das mich die letzten Tage noch viel mehr beschäftigte. Eine verdrängte Erinnerung, die sich beim Schreiben von #meTinder mit aller Gewalt zurück in mein Bewusstsein drängte. Dort fährt sie nun mit Blaulicht und Martinshorn hin und her und will raus.

Nun denn. Nachdem ich die üblichen Phasen, welche einer Trennung so anhaften, durchlitten habe (Schock, Apathie, Schaum vor dem Mund, Mordlust, Fresslust, Wundbrand, Eiter, Besessenheit, etc.), war ich am Ende nur noch ein wenig Verzweifelt. Doch ich dann verliess mich auch die Geduld und ich mochte nicht mehr verzweifelt sein. Ich wollte wieder auferstehen! Geläutert und befreit. Erneut begehrt, verehrt und verzaubert werden. Mein Ego rief nach Verstärkung und etwas Anderes rief nach Zuwendung. Ein Date musste her! So swipte ich los und likte alles, was auch nur annähernd menschlich aussah. Und der Match liess nicht lange auf sich warten. Ich hatte einen sympathischen, rothaarigen Schotten aus Zürich an der Angel.

Hier muss ich kurz zwei Dinge erwähnen: Ich habe eine Schwäche für angelsächsische Männer, insbesondere rothaarige mit Sommersprossen. Und meine Grossmutter war Schottin.

Ein Schotte! Mit meiner Fantasie gingen die Schafe durch: Ein Highlander, ein richtiger Mann! Einer, der mit blossen Händen ein lebendiges Schaf in Stücke reisst. Ein rotbärtiger Krieger, der zum Frühstück Haggis (mit Herz, Leber, Lunge, Nierenfett, Zwiebeln und Hafermehl gefüllter Schafsmagen) isst. Ein wilder Ringer, der mir am Kaminfeuer auf seinem Dudelsack etwas vorspielt. Ein echter Kerl, der den Mund nach dem Zähneputzen mit Whiskey ausspült. Ein Meister des schwarzen Humors.

Wir treffen uns also an einem lauen Sommerabend in Zürich. Ich war schon 1 Woche vorher furchtbar nervös und kotze kurz vor dem Treffen beinahe ins Tram. Es ist mein erstes Date seit Jahren. Ich stolpere über den Bellevueplatz und erkenne ihn sofort an seinem roten Haar. Doch der Mann, welcher dort auf mich wartet, erfüllt meine fantasievollen Vorstellungen eines Highlanders leider nicht so ganz. Er ist lang und dürr. Und wie sich später herausstellt, auch ein leicht autistischer Veganer. Einzig sein schwarzer Humor hält mich an Ort und Stelle. Und der Alkohol. Wir trinken während der nächsten 3 Stunden gefühlte 20 Liter Bier, essen 1 Kilo Erdnüsse. Der Schotte raucht dazu 8 Päckchen Zigaretten auf Lunge. Irgendwann ist es dann sehr spät, alle Züge abgefahren. Ich werde zum Bleiben eingeladen und nehme die Einladung an. Denn nach 20 Liter Bier sehe ich doch langsam alle meine Fantasien in Erfüllung gehen, auch wenn etwas verschwommen. Während der Taxi-Fahrt zu seiner Wohnung dringen aus der Ferne Wortfetzen in meine Ohren. Unordnung. Brokkoli. Und dann kommen wir irgendwie in seiner Wohnung an. Und es sieht so aus als wäre der Schotte erst einen Tag zuvor eingezogen und mehrmals über die nicht verschlossenen Kartons gestolpert. Es mieft nach gekochtem Brokkoli. Meine Träume tun ihre letzten Seufzer.

Was danach geschah weiss ich nicht mehr. Vermutlich wurde ich ohnmächtig. Sauerstoffmangel. Später dann kehrte die Verzweiflung zurück und brachte mir ein Geschenk in Form von üblen Kopfschmerzen mit. Ich beschloss die verbleibende Phase der Verzweiflung gänzlich zu durchleben und abzuschliessen, bevor ich mich wieder auf neue Abenteuer einlasse.

Brokkoli mag ich nach wie vor sehr gerne.